BUILDING BRICKS

Platz für Rezensionen, Alltägliches und alles Mögliche, demnächst auch mit Veranstaltungskalender...
dorfkrank
eine spätrezension von mick macker
als ich in der schule nicht mehr so richtig mitkam, zwang ich meine eltern dazu, mir einen ofen in den garten zu stellen. ich wollte nämlich eine lehre als töpferin machen. ich fand das cool, denn ich war ein hippie.
ich ging bei dem großen bruder eines schulfreunds in die lehre. der hatte im hintertaunus eine kleine werkstatt mit einem laden. hier war nicht viel los. wir trafen uns an der bushaltestelle, tranken dosenbier und kifften fast unterbrochen, natürlich um anders als die andern aus dem dorf zu sein. am wochenende fuhren wir manchmal in die disco, ins buster's workshop, wo es tee gab und noch mehr kiff. Dort war barfuss tanzen angesagt. tagsüber gingen wir im feld spazieren, lasen viele bücher von ulrike meinhof, kate millet und so. im sommer lagen wir am see rum.
ich war in einer riesigen dorfclique. hier kamen alle zusammen, die sich auf exkursionen zu dem indischen laden in bad homburg und auf den flohmarkt in frankfurt pumphosen, bestickte kleider, räucherstäbchen, shilums erworben hatten.
alle trugen lange haare. oft saßen wir am lagerfeuer am waldrand. jemand spielte gitarre und alle sangen. außerdem gab es musikmäßig nur die bands, die, wie cochise, auf dem land tourten und im bürgerhaus des ortes spielten. einmal im sommer fand ein rock gegen rechts-festival in der nähe statt, zu dem wir mit unseren mofas fuhren.
die anderen machten dann abitur und zogen weg zum studieren. ich wohne immer noch hier. inzwischen habe ich die werkstatt und den laden übernommen, verkaufe krüge und aschenbecher an die touristen, die aus der stadt kommen. es ist so schön ruhig hier. ich drehe mir einen und träume vor mich hin, wenn ich in meiner kleinen töpferei sitze. einmal kam rocko schamoni in den laden und kaufte einen meiner selbst getöpferten krüge, handbemalt mit einem blumenmuster. rocko ist nur ein jahr jünger als ich. ich glaube, er hat ein buch geschrieben, in dem er sich als punk und lehrersohn darstellt. er hatte wie ich ein mofa (ergänzung: ich habe meins immer noch). rockos mofa war getuned und er schob es gelegentlich abends zum dorfausgang, damit seine eltern nicht geweckt wurden. und sonst hatte er auch nicht viel glück, außer am schluss, da wurde er berühmt.

rocko schamoni: dorfpunks. erschienen in reinbek bei haaammmburg. rowohlt taschenbuch. 11 euro. bei mir antiquarisch für 5 euro erhältlich.


Ankündigung:
Flyer der feministischen Widerstandstage
www.feministischewiderstandstage.de

Zerfressen von Aussehensarbeit
Ein Roman über Magersucht und Geschlechterverhältnisse in der Popkultur
von Gottfried Oy
Einen englischen Jungen will sie küssen - "von dort, wo die Popmusik herkommt". "Nie mehr um sieben Uhr morgens aufstehen, später! Immer wach sein stattdessen!" Die Schwüre der Kindheit dienen Sonja, Hauptfigur im Romanerstling von Kerstin Grether, als Messlatte ihres Alltags im Hamburger Szenestadtteil Schanzenviertel - und der kommt eigentlich ganz gut weg dabei: Die Comic-zeichnende Mediendesignerin nimmt Gesangsunterricht und träumt von der großen Karriere. Wenn da nicht dieses Gefühl der Unzulänglichkeit an ihr nagen würde, könnte sie glatt glücklich sein. Doch der Rock in Größe 38 will nicht passen und es beginnt das Elend der "Aussehensarbeit".

Aus Sonjas anfänglichem Elan entwickelt sich ein sphärisch entrückter Hunger. Sonjas Freundinnenkreis ist feministisch aufgeklärt, zugleich aber auch verstrickt in die patriarchalen Verhältnisse der Popkultur. Allita, die Musikjournalistin, betont immer wieder, wie wichtig ihr es sei, "gender-issues" in ihren Artikel unterzubringen. Sie findet den Umgang mit magersüchtigen weiblichen Popstars skandalös und ringt mit dem Chefredakteur einer großen Musikzeitschrift darum, eine Artikelserie über "Aussehensarbeit im Pop" unterbringen zu können - wenn dafür auch große Kompromisse notwendig sind. Melissa, das Model, kämpft um Selbstständigkeit, indem sie ihren Agenten mit einem Stylingwechsel zu verärgern versucht. Sie hat sich in einer dauerhaften Magersucht auf niedriger Intensität eingerichtet und ist schon glücklich, wenn sie, "vornehme Fickbewegungen" vollziehend, in Musikvideos auftreten darf. Kicky, Ricky und Micky schließlich sind die Band Museabuse und führen das wilde Leben, das sich Sonja immer gewünscht hat. Doch auch sie geben klein bei, als der berühmte "Typ von der Plattenfirma" ein dauerhaftes drei-Kilo-Abspecken fordert, sonst gäbe es Probleme.

Bleibt noch das männliche Personal. Tim, der besorgte Arbeitskollege und Jonas alias Johnny, ein verkannter Musiker und Boutiquen-Aushilfsverkäufer aus dem Dunstkreis von Museabuse. Er ist der Herzensbrecher, der Sonja zum Tablettenröhrchen greifen lässt und für "schlimme Sachen" - gemeint ist die Trennung nach einer mehrwöchigen Affäre - nicht viele Worte hat. Die Motive des Hungerns sind vielschichtig und so wie sie Grether in ihrer Geschichte platziert, wirkt das Ganze keineswegs wie ein sozialarbeiterisches Aufklärungsprojekt für Jugendliche, vielmehr wird auf die Verwobenheit eines sich noch so subkulturell und dissident gebenden Lifestyles und den herrschenden Vorstellungen von Weiblichkeit verwiesen. Am Beginn steht dabei die Integration der Diät in die eigene Welt der Wünsche: "Früher habe ich immer gedacht, alles wird gut, wenn man: a) in der richtigen Stadt wohnt und dort im richtigen Viertel, b) die Freunde hat, die man wirklich haben will, c) beruflich, künstlerisch genau das macht, was man sich am meisten wünscht. Und wenn man dann: d) vielleicht zusätzlich noch eine Diät durchhalten könnte - dann würde endlich alles gut. Und voilà - genauso ist es." Das Hungern steigert sich schließlich zum Aufstand gegen das bisherige Leben, das sich "irgendwie schäbig und fett" anfühlt. In einer Art Katharsis will Sonja durch Nahrungsverweigerung dem öden Alltag entfliehen - der Hinweis ihrer Freundinnen, dass das nicht funktioniere, bringt sie auch nicht weiter, zumal ihr selbst die Schäbigkeit ihrer Sucht bewusst ist. Der Ausweg scheint im Rückzug in die Kindheit zu liegen, schließlich verspricht ihr der Hunger ihren Mädchenkörper zurück: "So ist alles einfacher geworden, ein Kinderspiel. Endlich bin ich wieder das kleine Mädchen, lalala, das glücklich durch die Straßen rennt. Keine frischen Hormone mehr, nur noch leicht fliegende Harmonie, Hammer-Feeling Schönheit." Einmal mehr zeigt sich, dass sich ohne Verständnis für den Rausch, den bewussten Kontrollverlust der Sinn einer Sucht nicht erschließt. Insofern beschränkt sich Grether nicht nur auf die Darstellung einer Leidensgeschichte, ihr gelingt es, eben jene Potenziale der Sucht aufzuzeigen, die den Betroffenen Glück versprechen - ohne allerdings die selbstzerstörerischen Elemente auszublenden.

Die große Stärke von Grethers Roman liegt zudem darin, das Verhältnis der Normalität zum Exzessiven, Rauschhaften, zur Abweichung zu thematisieren. Allzu oft wird verleugnet, dass Aussehensarbeit integraler Bestandteil der Popkultur ist. Auch wenn nicht gleich alle Frauen in eine Magersucht abrutschen, so tun doch die herrschenden Körperbilder ihr Übriges, dass die Möglichkeit dazu jederzeit besteht. Dass die Popkultur allerdings auch ein Ort des glamourösen Lebens jenseits rigider Normen sein kann, dieses Versprechen weiß Grethers Roman nicht zuletzt durch seine Sprache weiterzugeben, die sowohl ironisch-distanzierend als auch poetisch-einfühlsam den Mikrokosmos der Szene zum Leben erweckt. Und solange dem wilden Nachtleben der graue Alltag gegenübersteht, ist es allemal spannender, diesem Versprechen nachzugehen als aufzugeben.

Kerstin Grether: Zuckerbabys. Ventil Verlag, Mainz 2004, 203 Seiten, 11,90 Euro


Feminismus Tagung an der Philipps-Universität Marburg
Liebe Popfeministinnen! an der Philipps-Universität Marburg wird vom 4. - 6. Juni 2004 der 2. Feministische PolitikwissenschaftlerInnentag mit dem Titel :
"Wer sind wir - was wollen wir? Von Feminismus, Gender Studies und Queertheory - Bestandsaufnahme und Orientierungsversuch einer neuen Generation - " stattfinden.

Diese Tagung hat zum Ziel feministisch und an der gender-Thematik Interessierten aus Wissenschaft und Praxis ein überregionales Forum zum Kennenlernen und Austauschen zu bieten. Inhaltlich soll die Möglichkeit geboten werden neue thematische Gebiete zu erschließen, Themen zu vertiefen und so mit Gleichgesinnten ein Netzwerk aufzubauen. Im Rahmen der geplanten Tagung sollen aktuelle Entwicklungen aus den verschiedenen Bereichen des aktuellen Diskurses um Geschlechterthematiken kritisch beleuchtet, zusammengeführt und diskutiert werden.

Weitere Infos gibt's auch auf unserer Homepage www.fempoltag.de

Hoffentlich auf bald in Marburg.
Viele Grüße, Studiengruppe Feministische Politik-Wissenschaft



passiert notiert: erna und berta doing communism
berta: wieso war eigentlich immer vom kommunismus-kongress die rede?
erna: ich finde auch, es wäre sinnvoller gewesen, den kongress anders zu nennen. es ging um antikapitalismus und radikaldemokratie, wenig um kommunismus und um die versuche in der geschichte, ihn praktisch umzusetzen. der richtige name des kongresses lautete "indeterminate communism", ging aber nicht wirklich in die alltagssprache potentieller kongressbesucherinnen ein.
berta: warum eigentlich indeterminate? das verstehe ich nicht.
erna: ich auch nicht. aber es wäre durchaus mal interessant, darüber zu diskutieren, wieviele wir mit theorie und praxis aus ihren determinierungen reißen können. können wir bestimmen ohne zu bestimmen? nun, es gibt zwei möglichkeiten: entweder die zahl der benennbaren determinierungen so drastisch zu erhöhen, dass es sich in der tat um eine vollständige öffnung eines konzepts handelt. ein problem würde ich darin sehen, dass man spätestens dann möglicherweise aus dem links-rechts-schema austreten würde. wäre schon schade, oder? die andere möglichkeit lautet: eine bestimmte, begrenzte erweiterung zu schaffen, in der marxistische elemente mit queerfeministischen, antirassistischen etc. verbunden würden. man bliebe damit in einer linken perspektive und hätte eine radikale, nicht radikaldemokratische veränderung von gesellschaft im blick.
berta: was wirft eigentlich zizek den feministinnen vor?
erna: ach der. seine antifeministische rede spielte auf einen punkt an, den wir eigentlich auch für wichtig halten, dass sich viele politiken zu sehr auf ausgleich und integration richten. er bezog das allerdings nur auf feministische und antirassistische politiken und stellte dem einen aufrechten antikapitalismus gegenüber, obwohl sich da ja auch eher versöhnliche politiken durchgesetzt haben. das blendete er aus und betrieb damit eine aufwertung der klassenkategorie. ein beispiel für eine reformistische ausrichtung von politik ist natürlich auch der aktuelle protest gegen kürzungen staatlicher gelder im bildungs- und sozialbereich, etwa in hessen. fatal ist außerdem, dass die forderungen zum großteil nur auf den beibehalt des status quo zu zielen scheinen, d.h. sie sind nicht einmal reformistisch. die reformen gehen in dem fall von den regierungen aus.
erna: ist das nun ein backlash, wenn zum beispiel den frauenlesbenprojekten die gelder gestrichen werden?
berta: da bin ich in einem zwiespalt. einerseits müssen viele projekte definitiv ihre arbeit einstellen. und unter marktbedingungen zu arbeiten ist sicher nicht so reizvoll für frauenlesbenprojekte. andererseits war es auch falsch, sich so stark auf staatliche gelder zu verlassen. wichtig ist, neue konzepte zu entwickeln, die eine solche arbeit auch unter anderen bedingungen ermöglichen. damit ist nicht unbedingt fundraising gemeint, obwohl es ganz ohne das wahrscheinlich auch nicht geht. so manches projekt kommt nun in eine grundsatzdiskussion, die sich auch positiv auswirken kann, in dem sinne, dass wieder radikalere positionen bezogen werden. na ja, das ist eher ein kontroverser punkt. gute nacht, erna.
erna: gute nacht, berta.

mick macker



Indeterminate! Kommunism
vom 7. bis 9. November 2003 fand in Frankfurt der Kongress "Indeterminate! Kommunismus", auch gerne "der Kommunismuskongress" genannt, statt. Die building bricks wollen Platz bieten für vielfältige Betrachtungen.
Schon im Vorfeld gab es etliche Kritik (gigantomanisches Konzept, unklares Konzept, kein Konzept, wieso Kommunismus (ohne Kommunismus)?, unpolitisch, reformistisch, und und und). Auch die beiden Veranstaltungsgruppen Demopunk und KP scheinen sich nicht einig gewesen zu sein, was man so hört.
Und doch, das Thema lässt uns nicht los:
Was ist denn eigentlich in den einzelnen Pannels diskutiert worden? Und gibt das Thema Kommunismus Denkanstöße zu einer Auseinandersetzung mit alten und neuen Formen linker, antikapitalistischer Politik?

Wir hätten gerne Deinen, Euren, Ihren, unseren ... Beitrag hier stehen. Also zögert nicht und schickt uns per e-mail: was habt ihr mitgekriegt, mitgenommen, weitergedacht?


Kongresssplitter
Absagen geladener ReferentInnen sagen manchmal mehr über einen Kongress aus, als Selbstdarstellungen der Veranstalter. Und so nahm Encarnación Gutiérrez Rodríguez, einzig Verbliebene auf dem Podium der Postkolonialismus-Arbeitsgruppe des "Indeterminate! Kommunismus"-Kongresses, der vom 7. bis 9. November in Frankfurt am Main stattfand, die Absage von Gayatri Chakravorty Spivak zum Ausgangspunkt einer radikalen Kritik an der Konzeption der gesamten Veranstaltung: Der Kongress sei keineswegs "postkonventionell" wie angekündigt, er reproduziere stattdessen herkömmliche Formen der Wissensproduktion, an eine selbstreflexive Thematisierung der Art und Weise, wie über Kommunismus geredet und wer erneut autorisiert werde, sich daran zu beteiligen, sei nicht gedacht.
Was war passiert? Gutiérrez Rodríguez bekam auf die Nachfrage, warum nach Yann Moulier Boutang nun auch Gayatri Chakravorty Spivak abgesagt habe, nur ein Schulterzucken zur Antwort. Während die Veranstalter sich anscheinend nicht mit Spivaks Absage auseinander setzen wollten, erfuhr Gutiérrez Rodríguez, die sich darauf hin direkt mit Spivak in Verbindung setzte, dass die bekennende Marxistin Spivak auf einem Kommunismuskongress über Marxismus reden und nicht in die SpezialistInnenschublade der postcolonial studies abgeschoben werden wollte, sie fühle sich durch die Schwerpunktsetzung des Kongresses rassifiziert.
Ähnlich wie in der Arbeitsgruppe zu Geschlecht, Sexualität und Ökonomie am Vortag, zeigte sich einmal mehr, wie weit die Welt der großen Podien und die konkrete Arbeit am Begriff in den konzentriert diskutierenden Arbeitsgruppen auseinander lagen: Während etwa Frigga Haug fordistische und postfordistische Verhältnisse als Geschlechterverhältnisse entwarf und Pauline Boudry, Brigitta Kuster und Renate Lorenz ihren Begriff der sexuellen Arbeit an einem konkreten filmischen Beispiel plausibel machten, bügelte Slavoj Zizek auf dem Eröffnungspodium am Vortag mit antifeministischen Ausfällen über alles hinweg, was in Jahrzehnten feministischer und antirassistischer Theorie und Politik erkämpft wurde. Und während Gutiérrez Rodríguez die Frage nach der Art und Weise von Wissensproduktion und Wissensreproduktion, der Verteilung von Sprecherpositionen und der ExpertInnenautorisierung sprach, schwadronierte Micha Brumlik, ebenso Teil der Eröffnungsveranstaltung, im Talkshowstil über alles, was ihm so assoziativ zum Thema Kommunismus einfiel; qua Autorisierung ermöglichten ihm dies die Veranstalter.

So stellt sich die Frage, inwieweit es mit diesem sehr an akademische Artikulationsweisen und Themensetzungen angelehnten Kongress zumindest Ansatzweise gelungen ist, Momente alternativer Wissensproduktion anzustoßen. In der Zusammenstellung der großen Podien wäre von den Veranstaltern sicher eine größere politische Sensibilität zu erwarten gewesen, wenn auch allerorten betont wurde, dass den jungen OrganisatorInnen nicht gleich ihr sicher in vielen Punkten mangelhaftes Programm um die Ohren geschlagen werden sollte. Die eine oder andere Arbeitsgruppe war indes ein Gewinn, nicht nur für die an intellektuellen Anstößen immer ärmere Provinz Frankfurt am Main.

Gottfried Oy