Warum jetzt plötzlich diese Mobilisierung gegen die extreme Rechte, war das eine willkommene Abwechslung um das Sommerloch zu füllen? Was ist eure Position/Analyse dazu und wo steht der Rechtsextremismus in Deutschland nach dem Sommer 2000?
Balu: Zuerst müssen wir mal feststellen, daß der Begriff des "Faschismus" in dieser Debatte überhaupt nicht geklärt wurde. Darum gelingt es auch vielen Reaktionären sich als Antifaschist zu verkaufen. Wir können aber weder den Rechtsextremismus noch den Staat getrennt von einer linken "Faschismus-Analyse" betrachten. Für uns muß sich Antifaschismus klar von konservativen und bürgerlich demokratischen Wertevorstellungen abgrenzen.
Flipper: Ich glaube die Frage ist unterschiedlich zu beantworten, weil dort verschiedene Interessen mitspielen. Der "Beschiss des Antifaschismus" hat es für alle möglich gemacht sich einzureihen, selbst für Beckstein (bayrischer Innenminister und CSU-Rechtsaussen, die Red.) oder sonstige reaktionäre Arschlöcher. Wahrscheinlich glaubt Beckstein selber, daß er Antifaschist ist, so ist es einfach für ihn, sich von den "Extremisten" abzugrenzen. Da kommen unterschiedliche Punkte dazu, warum das interessant wird. Die medialen Geschichten werden mittlerweile anders aufgebaut, es scheint Schübe von angeblich hochbrisanten Themen zu geben. Das war vor den Nazis die Kampfhundeverordnung, jetzt sind die Nazis von der ökosteuer und den Benzinkosten abgelöst worden. Dabei ist es auffällig, daß es zu allem Extraseiten in den Zeitungen und Sondersendungen im Fernsehen gibt. Es wird so aufgemacht, als ob es jeweils das letzte Thema vor dem Weltuntergang wäre. Das bestimmt erstmal die mediale Gestaltung, ähnlich wie die Kampfhundegeschichte werden die Nazis in zwei Monaten keine Sau mehr interessieren. Dies macht es natürlich relativ leicht, mit Themen hausieren zu gehen oder mit ihnen zu spielen.
Nicki: Immerhin ist im Sommer klar geworden, daß sich die Faschos im Osten auf breite Zustimmung in der Bevölkerung stützen können. Es ist öffentliche Meinung, daß es einen rechten Konsens im Osten gibt. Wovon sich die gesamte politische Mitte natürlich schön wieder abgrenzen kann.
Balu:
Ich glaube dieser Konsens baut teilweise auf sehr platten Geschichten auf. Begriffe wie "Ausländer", "Nazi", "Linke", "Rechte", "Kampfhund" oder "Ökosteuer" sind darin leicht austauschbar. Irgendwer klaut immer unsere Arbeit oder macht den Standort kaputt, oder noch schlimmer bringt Unruhe ins Land. Ich glaube es ist eher diese Medienkampagne die Themen vorgibt, da interessiert mich inwieweit das gelenkt ist. Ob es wirklich Kampagnen oder Diskussionen sind, in der die FR auf die FAZ reagiert und ein Sender auf einen Anderen. Ob die privaten Sender sich permanent überbieten wollen und Nachrichten deswegen gehypt werden, weil sie sich verkaufen lassen.
Flipper:
Die Medienpolitik ist sicherlich eine eigene Debatte wert, aber ich wollte gerne noch auf einen anderen Aspekt kommen, nämlich die Tatsache, daß das konstant hohe Level an rechter Gewalt in die Frage des wirtschaftlichen Standort mit reinspielt. Ich finde es zwar spekultaiv, was nun genau den Staat oder die Wirtschaft dazu bringt, sich dieses Themas anzunehmen bzw. was die Hintergründe davon sind. Aber selbst der Mecklenburg-Vorpommersche Wirtschaftsminister befürchtet sinkende Investitionen, wenn die Zahl der rechten Anschläge weiter so hoch bleibt. Warum sonst auch das ganze Engagement der Wirtschaftsverbände! Einher geht von staatlicher Seite der Wunsch nach Gesetzesverschärfungen auf vielen Gebieten der Inneren Sicherheit. Der normale Ablauf soll im Land nicht gestört werden, darum geht es. Die Gesetzesverschärfung, z.B. beim Demonstrationsrecht, siehe die Debatte in Berlin um Nazidemos am Brandenburger Tor und der Holocaust-Gedenkstätte. Die Überwachung von öffentlichen Plätzen mit Videokameras und BGS an allen Bahnhöfen hat sicherlich nicht viel mit Neonazis zu tun, auch wenn es damit legitmiert werden soll. Pu: Letzten Endes sind die Beweggründe von Politik und Wirtschaft sehr ähnlich. Der Sprengstoffanschlag in Düsseldorf stellte eine Art Auslöser dar, nachdem im vergangenen Jahr immer wieder von "rechtem Terrorismus" die Rede war. Die Bedrohung durch Bombenanschläge ist für Staat und Öffentlichkeit größer, weil sie nur schlecht verschwiegen werden können, anders als wenn "nur" wieder jemand totgetreten wurde. Das hat in den seltensten Fällen jemand erfahren und schon gar nicht außerhalb von Deutschland.
Nicki:
Ich glaube schon, daß es verschiedene Interessen innerhalb der herrschenden Klasse gibt. Seien es Beckstein und Co, die sich ganz klar gegen rechte Alternativen abgrenzen müssen und versuchen die WählerInnenschaft der NPD/DVU/REP bei sich zu integrieren, wie Hessens CDU-Minister Koch so schön sagte "nicht die Rechten bekämpfen, sondern in ihren Gewässern angeln!". Gleichzeitig verbinden sie das Thema mit einer Kampagne für mehr Innere Sicherheit. Dagegen geht es SPD und Grünen eher darum, vor dem Hintergrund der Green Card-Diskussion den ankommenden IT-SpezialistInnen die nötige Sicherheit zu garantieren, im Rahmen der Debatte um Einwanderung und neuen Migrationsbewegungen. Diese Diskussion wurde zum großen Teil von ihrem Klientel losgetreten (s. Aktion Z für Zivilcourage von der Taz).
Flipper:
Da gibt es wahrscheinlich verschiedene Aspekte, wie sich unterschiedliche Teile der Gesellschaft dazu motivieren, jetzt die Nazis zu thematisieren. Die ganze Rechte, zumindest die militante Rechte, wird momentan politisch nicht so sehr gebraucht, anders als damals in Rostock z.B., als die Ausschreitungen benutzt wurden, das Asylgesetz abzuschaffen. Beckstein hat politisch alles umgesetzt, was die Skins praktisch ausführen. Er hat das selbst gut zusammengefasst mit seinem Ausspruch "Der Ausländer darf sich hier solange auf der Straße sicher fühlen, bis wir ihn abschieben". In so einer Situation braucht die herrschende Politik die Neonazis nicht. In der öffentlichen Debatte geht es ja nur um den rechten Terror, aber überhaupt nicht um die rechten Ideologien dahinter. Es wird nicht mal darauf eingegangen, wofür die NPD inhaltlich steht. Maximal wird noch gegen Rassismus gewettert, aber es wird ja nicht mal definiert, was Rassismus denn alles bedeuten kann. Seht ihr eine neue Qualität in rechten Gewalttaten, was den Düsseldorfer Bombenanschlag oder die heutigen Ereignisse angeht?
Flipper:
Den Düsseldorfer Anschlag find ich nach wie vor am schwierigsten zu bewerten. Es ist eine der ungeklärtesten Gewalttaten, zwar naheliegend, daß auch er von rechter Seite kommt, oder von rechten Ideologien geprägt ist, aber ich find es kein Muss. Daß schon am selben Tag die Infos verknüpft werden, daß als erster Anhaltspunkt nicht nur "Rußlanddeutsche" genannt wird, sondern direkt "Rußlanddeutsche jüdischen Glaubens" ist überraschend. Es gibt kein Bekennerschreiben, keine sonstigen Hinweise. Erstmal ist es ein klarer Terroranschlag, bei dem es Passanten getroffen hat und der darin sehr ungenau war. Es gab ja schon ganz andere Gewalttaten, da hatten es selbst Schwarze schwer in den Bullenberichten durchzukriegen, daß sie wegen ihrer Hautfarbe angegriffen wurden. Sonst wurden Sachen, die klar auf der Hand liegen, ausgeblendet oder negiert. Pu: Es ist bestimmt richtig, daß es der Politik gerade gelegen kam, und das der Anschlag von öffentlicher Seite genutzt wurde, um gegen die Nazis aktiv zu werden. Aber jetzt spitzfindig zu prüfen, ob es eine Naziaktion war, ist auch nicht richtig. Immerhin lag die Bombe vor der Schule und ob das eine organisierte, geplante Aktion oder eine Einzelkämpferaktion war ist egal, der antisemitische Hintergrund einer solchen Tat existiert in der Gesellschaft und der Rest ist Arbeit der Bullen. Die Bereitschaft und die technischen Möglichkeiten sind in der rechten Szene auf jeden Fall vorhanden. Nach den Verboten vor ein paar Jahren sind die Nazis z.T. getrennte Wege gegangen und haben vielfältigste Sachen und Aktionsformen ausprobiert.
Nicki:
Ich glaube auch, daß Teile der Nazis solche Aktionen zuzutrauen sind und daß sich solche Aktionen in letzter Zeit vermehrt abgezeichnet haben, wie z.B. die Anschläge auf das Galinski-Grab (Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Deutschlands, Red.) in Berlin und auf das Haus eines Mitglieds der jüdischen Gemeinde in Bamberg. Es ist schwer einzuschätzen, ob es da eine Linie gibt, es muß auch mal abgewartet werden, was nach dem Blood & Honour-Verbot passiert. Wenn sie Strukturen aufgebaut haben, werden sie evtl. ihre Existenz und Handlungsfähigkeit beweisen müssen.
Flipper:
Meiner Meinung nach hat es die qualitative Steigerung noch gar nicht gegeben. Es gab zwar einige Sprengstoffanschläge, die gab es aber vorher immer wieder mal, das ist noch kein Sprung. Seit Jahren gibt es kleinere Grüppchen, die mit Sprengstoffen oder mit Waffen rumhantieren. Es gab schon den Bombenanschlag gegen die Wehrmachtsausstellung in Saarbrücken oder den Maschinengewehrüberfall auf eine Dönerbude in der Pfalz. Die Bullen haben teilweise ganze Waffenarsenale ausgehoben bei Razzien. Was sich tatsächlich verschoben hat sind zwei Sachen; einerseits ist die Zahl der rechten Übergriffe nach dem sprunghaften Anstieg von Naziaktionen Anfang der Neunziger Jahre konstant hoch geblieben ( liegt bei ca 1000/Jahr nach Bullenangaben), das wird mittlerweile schon als normal betrachtet. Zum anderen hat sich die Bereitschaft über z.B. Blood & Honour, Hammerskins oder Freie Kameradschaften, sich in terroristischen Kreisen zu bewegen oder mit solchen Mitteln wie Waffen, Sprengstoff oder Wahllosigkeit zu agieren, erhöht. Der Organisierungsgrad ist sehr gestiegen. Gerade der Düsseldorfer Anschlag entspricht sogesehen einer typisch rechtem Gedankengebung, erstmal Terror, eine wahllose Aktion gegen einen bestimmten Kreis von Leuten. Ähnlich wie damals beim Münchener Oktoberfest (Bombenanschlag der Wehrsportgruppe Hoffmann, 1980, Red.), eine Aktion nicht gezielt gegen den "Ausländer", "Linken" oder "Feind" ging, sondern erstmal nur verunsichern sollte. Wir müssen da immer abwägen, handelt es sich um Straßengewalt oder um Terroraktionen. Beides nimmt zu, auch der Straßenterror geht weiter, z.B. das Angreifen von Leuten in Privatwohnungen, oder der Angriff auf die VVN-Kundgebung in Wuppertal. Das sind schon sehr gezielte Angriffe, die von einem hohen Organisierungsgrad zeugen. Mich würde interessieren, was wollen denn die Faschos mit ihrer Strategie der Bombenanschläge erreichen? Ich gehe mal nicht von einer einheitlichen rechten Bewegung aus, sondern von verschiedenen Richtungen, die z.T. gemeinsame Ziele haben, aber was ist die Zielsetzung, was Terroranschläge angeht?
Balu:
Ich sehe ebenso wie Flipper auch nicht den qualitativen Unterschied, was die Bombenanschläge betrifft. Aber seit der Geschichte mit Kai Diessner (Neonazi, der 2 Bullen bei einer Kontrolle erschoß, bezeichnet sich selbst als "weißen arischen Widerstand", die Red.) wurde in den Freien Kameradschaften viel diskutiert, ihn als "weißen Widerstandkämpfer" zu etablieren und ob es richtig sei jetzt den Staat anzugreifen. Eigentlich ist "Deutschland" oder der deutsche Staat ja zumindest verbal ein Heiligtum, das sich das jetzt verändert, darin sehe ich einen qualitativen Unterschied. In dem Interview mit den "Braunen Zellen" (im "Zentralorgan", Zeitung der Hamburger Freien Nationalisten) wird genau das diskutiert, den deutschen Werteverfall des Staates in Frage zu stellen und anzugreifen. Seitdem ist einige Zeit ins Land gezogen. Außerdem sollte natürlich immer noch die Frage gestellt werden, ob es sich bei bestimmten Terroraktionen nicht auch um staatliche Counteraktionen handeln könnte, um von eigenen Miseren (z.B. CDU-Skandal) abzulenken und dann gegen z.B. Nazis dicke Arme machen zu können.
Nicki:
Eine Strategie der Militanz bieten viele Organisationen den Faschos. Seien das die "Skinheads Sächsische Schweiz" (eine militante Nazigruppe aus Sachsen, Red.) oder eigene Ordnerschutzgruppen oder sogar "Greiftrupps", die rund um ihre eigenen Demos versuchen, GegendemonstrantInnen anzugreifen, das führt zu einer Steigerung der Bereitschaft zur organisierten Militanz, die dann auch zu einer Belebung von anderen Ansätzen führt. So können die Organisationen sowohl Rekrutierungsbecken als auch Diskussionsforum sein. Das heißt nicht, daß einzig Blood & Honour die terroristische Struktur hervorbringt, aber daß es für sie einfacher wird dort zu diskutieren, wo es schon einen hohen Ansatz von Militanz gibt.
Flipper:
Die militanten Strukturen sind zwar größer geworden, aber die Effekte der Straßengewalt (wie z.B. Asylgesetzabschaffung nach Rostock oder die Schaffung "National befreiter Zonen") sind etwas ausgereizt. Zumindest bewegt die klassische Straßengewalt nicht mehr so viel gesellschaftlich in ihrem Sinne. Dann gibt es nur noch eine Zuspitzung der Gewalt, etwa mit einem Angriff direkt auf den Staat zu zielen, oder mit Terror auf Gesellschaftskreise, die sie wahlweise vertreiben oder einschüchtern wollen. Was ich nicht glaube ist, daß die Zunahme der Gewalt läuft, um die Organisationen wie Blood & Honour nochmal zu repräsentieren. Der Großteil der Gewalt und terroristischen Geschichten wird unabhängig von den Organisationen laufen, weswegen Organisationsverbote an diesem Punkt nichts bringen werden. Eine größere Wichtigkeit als die gewaltätigen Aktionen und deren qualitativer Zuspitzung dürfte die Verschiebung ideologischer Werte als Ziel der Rechten sein. Wir haben letzteres immer als deren Schwerpunkt betrachtet. Dabei geht es heute eben noch nicht um die Machtübernahme, im Sinne von Hitler damals, auch nicht wie in anderen europäischen Ländern (Österreich mit Haider, oder Frankreich mit LePen) die große parlamentarische Kraft zu schaffen. Was sicher an der Zerstrittenheit der rechten Parteien in Deutschland und den fehlenden Führungsqualitäten einzelner "Führer" liegt. Die inhaltlichen Ziele der ideologischen Werteverschiebung und der Begriff der Machtübernahme als Fernziel sind nicht auf eine Organisation zugespitzt. Die einzelne Organisation ist für die Nazis somit ziemlich egal. Wichtiger ist die Werteverschiebung in der Gesellschaft, wie sie die "Neue Rechte" forciert. Die haben immer gesagt, "es ist egal ob wir an der Regierung sind oder nicht, solange die Regierung das tut was wir an Inhalten vorgeben". Genau das ist faktisch passiert. Das Wahlprogramm der NPD oder REPs von Ende der 80er Jahre ist heute exakt das Wahlprogramm von CDU oder SPD. Das ist die Werteverschiebung, die wir meinen, und daß heute "das Fremde" ein Thema oder sogar eine Gefahr ist, das ist der Erfolg der Rechten. In den 70er/80er Jahren wäre das im gesellschaftlichen Diskurs nicht so leicht gewesen. Wo wir gerade bei den Organisationen sind, seid ihr für ein NPD-Verbot oder Verbote anderer Gruppen wie kürzlich dem von Blood & Honour? Pu: Ein Verbot nimmt den Nazis schon gewisse Möglichkeiten, von daher find ich es nicht negativ, da es den Faschos ohne die NPD momentan schon schwerer fällt, ihre Demos anzumelden. Wir müssten entstehende Freiräume allerdings zu nutzen wissen. Ich denke, ein Verbot wird kommen oder nicht, aber sicherlich ohne unser Zutun, von daher wüßte ich auch nicht, warum wir uns dazu explizit positionieren sollten.
Balu:
Ich denke, der Staat wird die NPD irgendwann verbieten. Aber auf jedes Verbot, das es bei Faschos gibt, wird es auch zig Angriffe von staatlicher Seite gegen Linke geben. Praktisch gesehen verbieten sie die Nazigruppen aber so langsam, daß es auch bei der NPD ins Leere laufen wird. Das dauert so lange, bis auch die letzte NPD Dumpfbacke Parteivermögen und Logistik ausgelagert hat. Von der CDU gelernt und Schwarzkonten eingerichtet.
Flipper:
Ein Verbot ist sicherlich die einzige Möglichkeit, die der Parlamentarismus hat, aber Verbote werden nichts ändern, sondern nur einen taktischen Raum für uns schaffen, während sich die Nazis umorganisieren werden und ein neues Sammelbecken finden werden. So wie das die NPD ja jetzt auch nur ist, nach den Verboten von 1993 gegen die FAP, Nationalistische Front (NF), Wiking Jugend etc.. Es wird sicher neue Organisationen geben oder auch viele kleine, für uns ist der Unterschied zu einem Verbot die Forderung nach Zerschlagung aller faschistischen Strukturen. D.h. deren Straßenpräsenz - Demos, Übergriffe, Propagandaaktionen - kann nur zerschlagen werden, die kann nicht verboten werden. Weitergehend müssen aber auch die ideologischen Strukturen zerschlagen werden. Die fangen bei den Skinheaddumpfbacken zwar an, gehen aber weiter zu den ideologischen Rechten (z.B. deren Zeitungen wie Junge Freiheit etc.) und kommen schnell zur "Braunzone", den Burschenschaften, der CDU über Otto Schilly bis zu den Grünen von Josef Fischer. Weil wir diesen ideologischen Bogen bei den Rechten spannen, müssen wir auch sagen, daß es bei der praktischen Be- oder Verhinderung von Naziaktionen um mehr gehen muß, als nur die Nazi-Skinheads daran zu hindern, durch die Stadt zu marschieren. Wenn Parteiverbote nutzlos sind, was sind denn Eure Mittel im Kampf gegen Nazis gewesen, oder wie werden die in Zukunft aussehen? Macht es überhaupt noch Sinn, Nazidemos verhindern zu wollen? Pu: In Bezug auf die Demos waren wir in letzter Zeit recht hilflos, die Entscheidung, ob sie verboten werden, konnten wir nur wenig beeinflußen. Höchstens daß befürchtete Ausschreitungen zu einem Demoverbot geführt haben. Wenn Naziaufmärsche stattfanden, waren sie in der Regel sehr gut von den Bullen geschützt. Seit einigen Jahren ist der Handlungsspielraum bei den Aufmärschen sehr gering geworden. Gleichzeitig waren im letzten Jahr soviele Nazidemos, da kamen wir gar nicht mehr hinterher. Andere Konzepte sind bisher leider noch nicht umgesetzt. Weg von den Nazis zu kommen und stattdessen die verantwortliche Politik oder die Bullen als deren ausführendes Organ anzugehen.
Nicki:
Durch die vielen Naziaufmärsche müssen und können wir nur noch reagieren, dadurch geht auch unsere Kreativität verloren. Das Ritual ist eingespielt, wir fahren den Nazis hinterher und gucken was geht. Weil die Zeiträume zwischen den Naziaufmärschen immer kürzer werden, bleibt aber kaum mehr Zeit, sich eigene Sachen zu überlegen oder unser kreatives Arsenal auszuschöpfen. Dadurch, daß unser Widerstand immer öfter an der Polizei scheitert, sinkt die Attraktivität der klassischen Antifademo.
Flipper:
Gerade für Demos stimmt das "kreative Aresenal" ja leider überhaupt nicht. Wenn wir Glück haben, sind unsere Demos erlaubt, oft genug kam es ja schon vor, daß ganze Konvois planlos durch Städte fahren, kontrolliert werden oder gar einfahren. Angekommen stehen wir dann meist im Bullenkessel, die Bullen trennen beide Demos voneinander und den Nazis stehen nochmals Unmengen Bullen zum Schutz zur Seite. Das klassische Antifa-Ding, an die Nazis ranzukommen und dabei Erfolgserlebnisse zu haben, verpufft dabei total. Das ist ja das inhaltliche Problem, daß Antifa nur den Zweck hat, Nazis zu behindern. Gelingt dies nicht, ist es ein Mißerfolg. Eigentlich ist diese Überlegung unsinnig, denn wir wissen ja, daß es Nazis gibt, daß sie mobil sind, Inhalte haben und vertreten und trotzdem ärgern wir uns, daß es uns nicht gelingt, speziell diese Demos zu behindern. Stattdessen müßten wir Naziaktivitäten auch in ihrem Kontext zu Staat und Gesellschaft sehen und daran unseren Widerstand orientieren. Konkret also auch die angehen, die die Nazis schützen. Was unsere momentane Demostärke betrifft, müssen wir allerdings nüchtern bleiben, wenn es gut läuft sind mal 1000 Leute da. Bei diesen gibt es dazu kaum größere Zusammenhänge oder Erfahrungswerte, wie etwas z.B. gegen die Bullen durchzusetzen ist. Oder wie alternative Demokonzepte aussehen könnten. Andere Konzepte funktionieren auch nur bedingt. Mit Kleingruppen an die Nazidemos ranzukommen oder Nazis abzupassen, scheitert oft an der Masse der Nazis. Wenn es gut läuft, gelingt es vielleicht mal 10 Nazis umzuhauen, aber trotzdem sind dann immer noch 400 marschiert. Das ist maximal ein subjektives Erfolgserlebnis. Natürlich für beide Seiten, für uns zu merken, daß noch was geht und für die Nazis zu sehen, daß es weh tun kann, Nazi zu sein. Aber es verhindert halt nichts mehr, einfach weil es nicht nur 100 immerdieselben Nazis sind, sondern ein vielfaches davon. Pu: Es bleibt die Chance, daß die "Öffentlichkeit" jetzt durch die Anti-Nazi-Debatte etwas aufgeschlossener unseren Aktivitäten gegenüber steht. In Frankfurt hatte ja die Anti-Horst Mahler Mobilisierung auch ihren Erfolg durch eine inhaltliche Vorbereitung, die Aufdeckung der lokalen Naziaktivitäten und eine Sensiblisierung der Linken in der Stadt. Sie konnte die Aufmarschversuche zumindest vorläufig stoppen. Für das Rhein-Main Gebiet war es ein Antifa-Highlight, daß sich soviele Leute an der Blockade des Börsenplatz im März beteiligt haben.
Flipper:
Für Frankfurt war es fast schon ein Glücksfall, daß Mahler mobilisiert hat, das liegt aber auch an der Nichtalltagspräsenz von rechtem Terror auf der Straße. In Norddeutschen Städten wie Hamburg ist die Entwicklung ja eher umgekehrt, durch die Häufigkeit von Faschodemos sinkt das Antifamobilisierungspotential. Die Leute gewöhnen sich an Naziaufmärsche und die nötige Empörung bleibt aus.
Nicki:
Ich glaube auch, daß es einen starken Gewöhnungseffekt an Naziaufmärsche gibt. Gleichzeitig aber auch, daß wir nicht mehr in der Lage sind, angemessen zu reagieren. Wir geraten immer wieder in die selben Polizeikontrollen und -kessel, ganze Stadtteile werden für die Faschos abgesperrt (und daran hat sich auch nichts seit der staatlichen Antifa-Offensive geändert), das führt natürlich zu Frust. Bei den Leuten bleibt dann hauptsächlich der Eindruck "das bringt ja eh nix dorthin zu fahren..." Pu: Sicherlich hat die Attraktivität von Antifademos auch was mit der Mobilisierungsfähigkeit zu tun. Es ist ein Unterschied, ob zum 1.Mai nach Leipzig gefahren wird, mit einer relativ guten linken Infostruktur vor Ort oder ob wir nach Schwedt fahren, wo es maximal eine Handvoll Linksliberaler in der Stadt gibt. Passau (DVU/NPD-Großveranstaltungen) zeigt ja auch, daß selbst lange Mobilsierungszeiten nicht genügen, weil der Staat dort so militärisch die Nazis schützt, daß außer Protest zu äußern nichts möglich ist. Dieses Wissen schreckt auch ab ins tiefste Bayern zu reisen.
Balu:
Das führte ja auch dazu, daß die Mobilisierungsfähigkeit bei Antifasachen immer geringer wird. Zumindest über die letzten Jahre betrachtet. Es ist einer der entscheidenden Punkte, den Staat im Verhältnis zu den Nazis mehr zu thematisieren. Gerade weil unsere Erfahrungen ja auch sind, daß Staat und Bullen vor Ort immer mehr schützen. Linke Aktivitäten werden vom Staat verhindert oder ins Leere laufen gelassen. Wenn allerdings nicht nur die Faschos angegriffen werden, sondern auch der Staat politisch angegangen wird, war er sogar eher genötigt Verbote auszusprechen. Ein Staat steht ja ungern als rassistisch in der Öffentlichkeit. Also Kampf gegen Nazis ist auch immer Kampf gegen den Staat?
Balu:
Auf jeden Fall. Als linke Antifas müssen wir mehr den staatlichen Rassismus und den rassistischen Konsens in der Gesellschaft thematisieren als nur die Faschos. So werden jedes Jahr an den deutschen oder europäischen Außengrenzen immer noch mehr Leute umgebracht als von Nazis. Flüchtlinge, die in der Neiße ertrinken, in Containern ersticken oder vor Italien mit ihrem Schiff untergehen, die also nur wegen der Abschottung der reichen Länder ihr Leben lassen. Die Toten in Abschiebeknästen oder nach den Abschiebungen nicht zu vergessen. Aber auch der Krieg in Jugoslawien gehört dazu. Zu der Eingangsfrage "Deutschland einig Antifa" könnten wir auch "Deutschland einig Kriegsland" sagen. Selbst die Linke war dabei ja neutralisiert.Vor diesem Hintergrund können wir doch nicht die Nazis vom Staat trennen.
Flipper:
Interessante Überlegung, die Deutschen sind sich immer einig, und seit mit Rot-Grün noch eine "linke" Regierung dran ist, gibt es natürlich auch keine linke Opposition mehr. Ob im Kriegsfall oder als Antifa. Jetzt würde ich gerne nochmal auf Mittel oder Möglichkeiten zurückkommen. Der Staat muß also immer mitthematisiert werden, aber wie können die staatlichen Vertreter angegangen werden?
Balu:
Es gibt klassische Mittel, die nicht mehr genutzt werden. Wenn z.B. ein Roland Koch sich öffentlich hinstellt und sagt, der Rechtsradikalismus sei ja gar nicht so schlimm und sich damit auf die Seite der Faschisten stellt, versäumen wir als Linke, zu reagieren. Koch setzt auf die rassistische Unterschriftenkampagne vom letzten Wahlkampf damit und mit seiner Forderung nach einer Einwanderungsdebatte noch eins oben drauf. Höchstens einzelne liberale Bürger haben sich in den Medien über diesen institutionalisierten rassistischen Normalzustand empört. Sicher gibt es sehr viele dieser Gesichtsmasken, die als rechte Hetzer dargestellt werden müßten. Trotzdem wäre es immer wichtig, solche Ausfälle aufzugreifen und gegen den Staat zu wenden.
Flipper:
Du bist jetzt bei den Gesichtern, aber das ist nur eine Seite, den Staat zu thematisieren. Was im Moment passiert, ist ja, daß der Staat gegen Rechts mobil macht, während wir etwas daneben stehen und abwarten. Unsere Frage wird nun aber sein, die Praxis anzuschauen, anzugreifen, warum es immer noch faschistische Strukturen, Überfälle und Treffpunkte von Nazis gibt. Wir hätten dann die Aufgabe dafür zu sorgen, daß die gerade staatlich geforderte Zivilcourage das alles auch umsetzt, was sie großspurig in die Öffentlichkeit posaunt. Das Umsetzen müssen sicherlich wir wieder machen. Die Zivilcourage zur Courage werden zu lassen und nicht zur Lichterkette. Dann werden wir auch die rassistischen Hintergründe in allen Parteien wieder angreifen müssen. Wie anhand der Wehrmachtsausstellung, als die CDU/CSU die Spitze des rechten Protestes darstellte, oder die CDU mit Kochs Unterschriftenkampagne und deren Schwarzgeldaffäre. Da klar zu machen, daß die nicht auf unsere Seite gehören, sondern auf Seiten der Rechten stehen. Natürlich müssen auch die ausführenden Staatsorgane sich jetzt fragen lassen, warum sie Nazidemos schützen. Kein Bulle ist verpflichtet so etwas zu tun, es ist seine/ihre freie Entscheidung. Das muß man den Leuten klarmachen. Und als Linke müßten wir die Bullen danach behandeln, was sie tun, und sie schützen nunmal Faschisten. Trotzdem weitermachen mit dem auf Nazidemos fahren und der Hoffnung etwas zu behindern ?
Nicki:
Die Notwendigkeit, sich was zu überlegen, wurde wohl von fast allen Antifas erkannt, nur daß immer noch nach dem selben Schema reagiert wird. Nazitermin; Bündnisse suchen; den Auftaktsort einer Demo möglichst nah an die Nazis ran legen und versuchen mit ihr an die Nazis ranzukommen. Dagegen müßten jetzt mal neue Taten folgen, wie in bundesweiten Antifadiskussionen schon gefordert. Z.B. den Ruf und das Aussehen der Stadt zu schädigen, lokale Entscheidungsträger zur Verantwortung zu ziehen. Oder wie in der "Aktion 94", gezielt regionale Nazikader zu Hause zu blockieren. Zumindest Kader mit tragenden Funktionen sind auch bei den Nazis nicht so leicht zu ersetzen. Wie vorher schon gesagt, muß Antifa wieder vermehrt linke Politik machen und z.B. die Zusammenarbeit mit antirassistischen Gruppen und anderen Teilbereichskämpfen verstärken.

Wie weiter Antifa? Ein Interview

Eine linke deutsche Wochenzeitung titelte im Spätsommer "Deutschland einig Antifa". Unter diesem Titel wurde ein Bezug zur Reaktion auf die rechten Gewalttaten und insbesondere auf den Bombenanschlag von Düsseldorf hergestellt. Im Hinblick auf eine Standortgefährdung wurde das pro/contra eines NPD-Verbotes debattiert und Zivilcourage stand als Phrase hoch im Kurs. Für viele Menschen aus dem linken antifaschistischen Spektrum stellt sich seit geraumer Zeit die Frage "Wie weiter Antifa?". Nach jahrelangem "Abwehrkampf" gegen eine rassistische Terrorwelle, der Hegemonie von Stammtischen, Neonazis und Staatspolitik und der Reduzierung von Antifa auf "Anti Nazi-Politik", taucht jetzt der Staat auf und präsentiert sich und die "bürgerliche Mitte" als vorderste Front im Kampf gegen Rechts. Unser Versuch, in Form eines Interviews einige der aktuellen Fragen anzusprechen, soll eine nötige Debatte in linken Kreisen anregen. Vieles wird fehlen, vieles Kritiken hervorrufen - so soll es auch sein! Wir hoffen auf eine produktive Diskussion in nächster Zeit. Am Interview waren Antifas aus dem Rhein-Main Gebiet beteiligt.