Bausteine zu einer Theorie des Eventionalismus
(nicht von eventuell, sondern von event!)

Die Turmblockade. Als beliebtes Streikmittel eingesetzt, löst sie auch im laufenden Streik hühnerhofartige Aufregung aus:
Das Szenario der Empörung reicht von weinerlichem Bejammern von "zunichte gemachten Projekten" über das väterliche Apellieren an demokratisches Verhalten an die Adresse der Blockierenden. Und wenn das alles nichts nützt, ziehen die Hähne unverhohlene Drohungen als Trümpfe aus der Tasche - im Sinne von: " (...) dann habt ihr's bei mir verschissen" (Prof. Dr. Gert Krell, Fb 03), "dann muß ich mir überlegen, ob ich noch Gutachten schreiben kann" (Prof. Dr. Josef Esser, Fb 03).
Durch die Trennung von Form und Inhalt wird die entscheidende Pointe der Turmblockade jedoch verfehlt. Der vorliegende Text macht deutlich, daß erst durch die Konstruktion von Ereignissen (Turmblockade, Hörsaal(teil)blockade, Blockade der Institute für Kunstgeschichte, Geschichte und Sportwissenschaft) der gewohnte Blick auf "Realität" in Frage gestellt wird. Erst das Durchbrechen von Routinen universitärer Alltagspraktiken ermöglicht die Schaffung einer kritischen Distanz. Die wiederum ist die Voraussetzung, eigene Positionen im Streit um bildungspolitische Alternativen finden und bestimmen zu können.
'Bausteine zu einer Theorie des Eventionalismus' wurde im April 1997 im Fachschaftsinfo veröffentlicht und wird hier ungekürzt dokumentiert.

(Red.)

   Also, 1989/90 gab es einen Unistreik, 1993/94 auch, jeweils verbunden mit einer Turmblockade, dazwischen gab es mindestens eine Turmblockade - ohne Unistreik. Die Blockade 1989/90 war zugleich der Beginn eines Streiks, der in seiner Hochphase nahezu das gesamte Bundesgebiet miteinschloß. Soweit zur neueren Geschichte.
   Festzustellen ist zunächst, daß die ArchitektInnen unseres heißgeliebten Turmes kleine Eventionalistinnen waren, deren Hauptproblem es ist, als solche nicht gewürdigt zu werden. - Ein Gebäude zu entwerfen, das von nur fünf Leuten unzugänglich gemacht werden kann, im Volksmund: "blockieren", das kann kein Zufall sein!
   Nimm: jede Menge Stühle, Tische, usw.; stelle sie in die zwei Treppenhäuser, (geschickterweise so, daß die Türen der Treppenhäuser nicht mehr aufgehen, Ketten tun hier auch gute Dienste), fahre die Fahrstühle nach oben und blockiere die Türen (Nothalt!). Fazit, der Turm kann nur noch mit Gewalt betreten werden, igittigit.
   Und jetzt kommt der schwierige Teil: Setze dich mit den Leuten auseinander, die die Blockade Scheiße finden. Das sind:
  • Leute, die unbedingt zur Arbeit wollen (StudentInnen, Sekretärinnen, Profs)
  • Leute, die im Examen stehen (mit am Schwersten)
  • Alte Aktivistinnen, die früher alles besser gemacht haben (auch ganz schön knifflig)
   Soweit zur Gebrauchsanweisung.
   Noch ein paar Sachen, auf die ihr Euch gefaßt machen müßt: Es wird Euch niemand mit Gewalt entfernen, auch wenn Ihr faktisch innerhalb dieser BRD einen Raum geschaffen habt, zu dem außer euch niemand Zugang hat. Ganz einfach, weil alle wissen, daß erstens das Ganze nur eine beschränkte Zeit dauern wird (eine Woche oder so) und daß zweitens ein beherzter Räumtrupp den Spuk beenden kann, und weil es drittens ohnehin niemand so richtig kümmert, ob der Turm arbeitet oder nicht.
   Neben der rein negativen Aktion des Blockierens wird bald jemand auf die Idee kommen, daß jetzt doch was Positives hermuß: Inhalte und so.
   Presseecho, z.B. bei der FR, wird Euch gewiß sein, die sind nett zu protestierenden Studierenden, waren früher wohl auch mal welche (oder wollten es gerne sein). Laßt Euch von all dem nicht irritieren. Zum einen ist die Chance nicht so klein, daß irgend jemand (meist ein Prof) durchknallt und Gewalt anwendet (bzw. anwenden läßt), zum anderen ist es ja auch garnicht so schlecht, mal Pressemitteilungen zu schreiben, die jemand liest und anschließend zumindest ähnlich drucken läßt. Das mit den Inhalten ist schwieriger, aber Ablehnung allein ist ja auch schon einer, laßt Euch da nichts einreden. Wenn der Turm zu ist, ist das ein Inhalt; der Betrieb, an dem nun wahrlich allerhand zu kritisieren ist, steht still.
   Es geht hier nämlich um die Konstruktion eines Ereignisses. Ein Ereignis ist dann da, wenn es in den Medien existiert und/oder wenn es einschneidenden Einfluß auf das Alltagsleben hat. Beides ist über die Turmblockade gegeben. Ereignisse sind Anlässe für die Reaktualisierung bestehender Meinungen. Beispiel: Der Castor fährt irgendwohin, das Schaf Dolly wird geklont. Das alles ist nicht besonders neu, geklont wird seit Jahren und daß die Atomlobby irgendwelchen ekligen Kram durchsetzen will, sollte niemanden verwundern, denn dafür ist sie schließlich da. Auf jeden Fall wird, nachdem beides Ereignis geworden ist, im ersten Fall über die Castortransporte eins bis drei, im letzteren eben über Dolly, das Schaf, das Ganze diskussionswürdig. In Diskussionen wird Meinung vertreten, was nicht eben viel bedeutet, im Normalfall wird es auf ein "das habe ich eh schon gewußt, da sieht man's wieder" hinauslaufen, aber immerhin wird sowas wie eine Meinung vertreten. Und das ist der Punkt, an dem angesetzt werden kann, wie gesagt, nicht viel, aber immerhin.
   Nun ist zu scheiden zwischen der Konstruktion von Ereignissen a) über die Medien und b) über einen konkreten Eingriff in die Lebenswelt.
   zu a) Das mit den Medien ist schon recht schwierig. Zweifellos haben wir es hier mit dem Königsweg zur Ereigniskonstruktion zu tun. Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist es wahrscheinlich soweit gekommen, daß die Leute die Realität in den Medien für mindestens so real halten wie das, was sie täglich umgibt, weil es sie täglich umgibt. Das ist noch kein Problem, dumm ist nur, daß diese Medien sogar für ein bißchen realer gehalten werden, weil sie Kollektives monopolisiert haben. Will sagen, wenn ich in meiner alltäglichen Lebenswelt ein Problem habe oder es sogar mit meinen Freunden und Bekannten teile, dann ist es doch immer noch mein/unser Problem. Wird es "öffenlich" durch die Medien, dann ist es plötzlich ein wirklich relevantes, kurzum ein öffentliches Ereignis. Problematisch ist für eine Theorie des Eventionalismus dabei nur, daß diese ach so realen Medien machen, was sie wollen, d.h. das Ganze, also was event wird und was nicht, funktioniert nach deren eigenen Regeln, die wir nicht in der Hand haben und folglich nur minimal beeinflussen können. Ein Beispiel dafür ist der gezielte Einsatz von "fakes", d.h., die Verbreitung "gefälschter" Flugblätter, Pressemitteilungen, eidesstattlicher Erklärungen, etc. Wer sich für Theorie und Praxis der "Kommunikationsguerilla" interessiert, dem sei das unlängst bei VLA/Schwarze Risse, Rote Straße erschienene "Handbuch der Kommunikationsguerilla" empfohlen. (s. Seite 21)
   zu b) Bleibt davon abgesehen also nur, auf massive Eingriffe in den Alltag zu setzen? Auch hier wird es nicht einfacher: AktivistInnen stehen nun leider gegen PassivistInnen. Ein Ereignis wird gemacht und erlitten. Bei den Medien ist dieses Verhältnis für uns nicht prekär, da ist klar, daß nicht wir es sind, die es machen. Machen wir eines, sagen wir eine Turmblockade, fügen wir den PassivistInnen, also allen anderen, das Ereignis zu - und schwupp, müssen uns dafür legitimieren ("Wie konntest du mir das antun?"). Das wiederum ist ganz besonders schwierig, weil das Legitimieren von Eingriffen in den Alltag gegen all die Legitimationen für den Alltag bestehen muß, und das sind die, die am heftigsten mit allerlei tiefst im Unwissen versenkten Persönlichkeitsstrukuren verschweißt sind.
   Fassen wir an diesem Punkt zusammen: es bleibt schwierig.
   Haben wir all das mit Mühen erreicht, der Turm ist zu, wir haben ein Ereignis konstruiert, ein bißchen über die Medien, mehr über massiven Alltagseingriff, was kommt dann? -- Die diskutieren über die Turmblockade, sie verhalten sich dazu, na und?
   Denn jetzt kommt der Höhepunkt und logische Abschluß dieser Zeilen, der zusammengefaßt so lauten könnte: "Deshalb sei der Turm blockiert!"
   Durch die "Raumnahme" und dem damit verbundenen Bruch mit dem Alltag, ergibt sich die Möglichkeit, tatsächlich einmal darüber nachzudenken, was als nächstes getan werden soll, bzw. einfach das zu tun, was durch die Kraft der vermeintlichen Normalität des Alltäglichen immerzu in der inakzeptablen Sphäre des Absurden und Irrationalen gehalten wird. -- Es geht um die Gestaltung und Konstruktion von Situationen und Ereignissen, d.h. darum, sich den Turm spielerisch anzueignen und ihn zum Leben zu erwecken (permanente Party!?), und nicht um die passive Betrachtung von alltäglichen Lebensmomenten.
   In der Trennung zwischen AktivistInnen und PassivistInnen entsteht, wie angedeutet, bei ersteren ein Legitimationsproblem. Sie entkommen dem nur über Aufgabe und Widerruf des eigenen Tuns, oder über eine eigene Definition des Legitimen. -- Yes! Es entsteht eine subversive Gemeinschaft, allein aus der kollektiven Einigung auf die Legitimität von Widerstand gegen das schlechte Bestehende. Und genau das ist das Beste an den letzten Streiks und Blockaden gewesen: Deren jeweilige TrägerInnen wurden nachhaltig für einen guten Teil des studentischen Lebens (manchmal kürzer, manchmal weit darüber hinaus) politisiert und in eine politische Szene hineinsozialisiert. Und deshalb s.o.!
   So, das war's, bleibt nur noch anzumerken, daß inzwischen (?) klargeworden ist, daß radikaler Widerstand gegen das Bestehende nicht unbedingt politisch eindeutig ist. Für den Turm scheint derzeit allerdings nicht die Gefahr zu bestehen, daß ihn Leute mit einer autoritären Option blockieren. Sollten sie das dereinst tun, ist hier fürs erste eh alles verloren.
situationisten

"Konstruierte Situation: Durch die kollektive Organisation einer einheitlichen Umgebung und des Spiels von Ereignissen konkret und mit voller Absicht konstruiertes Moment des Lebens." (S. 51)

"Die wirklich experimentelle Richtung der situationistischen Tätigkeit besteht darin, ausgehend von mehr oder weniger deutlich erkannten Begierden, ein zeitlich begrenztes, diese Begierden begünstigendes Aktionsfeld zu schaffen." (S. 48)

Aus: "Der Beginn einer Epoche. Texte der Situationisten". Edition Nautilus. 1. Aufl. 1995. Hamburg.

"Im Rahmen der geschriebenen und ungeschriebenen Regeln und Konventionen der Schule praktizieren Lernende und Lehrende tagtäglich Verhaltensweisen, die auch in zahlreichen anderen gesellschaftlichen Bereichen dazu dienen, eine auf Machtverhältnissen beruhende Ordnung aufrechzuerhalten. Die Gesamtheit solcher Regeln bezeichnen wir als Kulturelle Grammatik. Mit einigen weiteren Beispielen läßt sich deutlich machen, wie dieses Regelsystem der Kulturellen Grammatik Macht und Herrschaft produziert und reproduziert, wie es hierarchische Kommunikationsformen normalisiert - nicht nur unter äußerem Druck wie in der Schule, sondern auch in weitgehend selbstbestimmten Zusammenhängen: Kulturelle Grammatik wird nicht nur unter Zwang, sondern auch bewußt und im eigenen Interesse eingehalten." (S.14f)

"Politische Praxis heißt für uns nicht das Verbindlichmachen einer besseren Ideologie. Wenn wir fragen, warum Leute Machtstrukturen in unserer Gesellschaft so weitgehend akzeptieren, müssen wir die Frage auch auf der Ebene der Kulturellen Grammatik stellen. Wenn wir unsere Überlegungen zum Ausgangspunkt politisch-kultureller Aktionen machen, bedeutet das den Versuch, die Kulturelle Grammatik der Herrschenden in konkreten Situationen zu durchbrechen und zu überschreiten. In diesem Sinne soll der soziale und politische Kampf ein Kampf sein 'um eine andere Wirklichkeit, in der unter uns erlebbar und spürbar wird, wofür es sich morgen noch lohnt zu kämpfen'". (S. 28-29).

Aus: "Handbuch der Kommunikationsguerilla". autonome a.f.r.i.k.a. gruppe. Luther Blissett/Sonja Brünzels. VLA/Schwarze Risse, Rote Straße.



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