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Ursprünglich sollte dieser Artikel nach dem Verhältnis von weiblicher Kinderlosigkeit und Frauenbewegung fragen. Mich interessierte – der Fragestellung des Heftes nach vergangenen theoretischen und praktischen Auseinandersetzungen über den Zusammenhang von Beziehung und Herrschaft folgend –, ob und wie in feministischen Praxen und Denkweisen die Auffassung entwickelt wurde, dass ein Leben ohne eigene Kinder Widerstand gegen das Patriarchat bedeute oder eine notwendige Voraussetzung hierfür darstelle. Allerdings merkte ich beim Schreiben, dass es zunächst einer Begründung dafür bedarf, warum ich eine solche Fragestellung für ein heutiges linkes Verständnis zum Zusammenhang von Beziehungsformen/Lebensweisen und Herrschaftsverhältnissen für wichtig erachte. Ausgangspunkt war, dass die von mir gewählte Lebensweise (nämlich eine ohne Kinder) vielfach in aktuellen demografischen und familienpolitischen Auseinandersetzungen und hegemonialen Diskursen als politisch bedeutsames Phänomen artikuliert wird, kritische Positionierungen hierzu mich allerdings oft unzufrieden zurückließen. Um das Sprechen über die eigene Lebensweise nicht anderen zu überlassen, interessierte mich zunächst, in welcher konkreten Form Kinderlose derzeit in öffentlichen Diskussionen präsent werden. Der folgende Artikel dient der Suche nach Widersprüchen und Brüchen, die in aktuellen Darstellungen weiblicher Kinderlosigkeit auftauchen oder entnannt werden. Auf dieser Basis können Fragen an die Geschichte sozialer Bewegungen und ihrem Umgang mit dem Thema Beziehungen/Lebensweise deutlich werden. Ich begrenze an dieser Stelle die Analyse auf einen kleinen Ausschnitt (massen-)kultureller Darstellungen zu diesem Thema.
»Absage an das Leben« als effizientorientierte Lebensweise
Ein Effekt der aktuellen Diskurse stellt schon die relativ selbstverständliche Benutzung des Begriffs der »Kinderlosen« dar, der vorgibt, es handele sich hierbei um eine bestimmte Spezies Menschen bzw. einen (schlechten) Charakterzug (ähnlich wie rücksichts-/skrupellos) statt um einen Teilaspekt von darüber hinaus sehr unterschiedlichen Lebensweisen. Soweit es als Wahrheit akzeptiert wird, dass der demografische Wandel die sozialen Sicherungssysteme aushöhlt, gelten diese Kinderlosen als Verantwortliche für notwendigen Sozialstaatsab- und umbau. Darüber hinaus verstärken sie allein durch ihre Existenz »lebensfeindliche, zukunftsverneinende und egoistische Tendenzen in unserer Gesellschaft« (Otto Schily im Mai 2005), da eine Entscheidung gegen eigene Kinder eine »Absage an das Leben« sei. Linke bzw. feministische Positionierungen gegenüber diesen aktuellen hegemonialen Diskursen führen in der Regel die moralischen Verurteilungen von Menschen (und insbesondere von Frauen #1) ohne Kinder kritisch vor und verbinden dies mit einem Verweis auf die notwendige Neuverteilung der (nach wie vor Frauen zugeschobenen) Sorgearbeit (vgl. z. B. Correll 2005). Eine solche Neuverteilung halte ich zwar auch für eine wesentliche Voraussetzung für eine alternative Entwicklung von Gesellschaft. Allerdings ließ es mich unzufrieden zurück, dass das eigentliche Phänomen der tatsächlich massenhaft gewählten Lebensweisen ohne Kinder in entsprechenden Analysen oft nur in der Form auftaucht, dass gefordert wird, dass diese gegenüber Existenzweisen mit Kindern als gleichberechtigt und –wertig anerkannt werden müssen.
Meines Erachtens entgehen uns neue Qualitäten in der Wechselwirkung zwischen hegemonialen Beziehungs-/Familienformen und neoliberalen Herrschaftsverhältnissen, wenn wir die Realität von Menschen, die ihr Leben ohne eigene Kinder verbringen, lediglich in der Form aufgreifen, dass wir Akzeptanz und Anerkennung für diese fordern. Das Leben ohne eigene Kinder zu verbringen, stellt nicht einfach nur eine Existenzweise dar, die im Widerspruch zu hegemonialen Norm- und Moralvorstellungen und ökonomischen und nationalstaatlichen Interessen steht (wenngleich sie, wie z. B. bei Schily, zweifellos in vielen Kontexten nach wie vor so artikuliert wird). Vielmehr kann man kinderlose Lebensweisen auch unter der Perspektive betrachten, dass sie den Anforderungen einer neuen neoliberalen Ökonomie entsprechen, in denen den Einzelnen höchstmögliche Flexibilität und Hingabe an die Profitmöglichkeiten ihrer Arbeit- und Auftraggeber abverlangt wird. Der Verzicht auf Kinder und die mit ihnen verbundene Verantwortung stellt eine konsequente Fortführung und Zuspitzung der Durchsetzung eines neuen Menschentypus dar, dessen Herausbildung von Unternehmen und Politik eingeklagt wird, damit Deutschland auch zukünftig an der Spitze der Weltwirtschaft stehe. Es entspricht der Logik der aktuellen kapitalistischen Verhältnisse, in denen das eigene materielle Wohlergehen an eine entgrenzte Leistungsfähigkeit und –bereitschaft gebunden wird, auf alles zu verzichten, was nicht profitabel gestaltet oder dem Ringen um den eigenen ökonomischen Erfolg notfalls untergeordnet werden kann.#2 Auf die Sorge um Kinder zu verzichten, kann eine Möglichkeit oder Notwendigkeit sein, um in diesen Verhältnissen die eigene Handlungsfähigkeit zu erhöhen. Auf das Recht von Frauen zu bestehen, gesellschaftlich anerkannt ohne Kinder leben zu können, unterscheidet sich nicht automatisch von der Forderung danach, die bestmöglichen Bedingungen zu haben, um sich grenzenlos und erfolgreich selbst vermarkten zu können.
Feministische Kritikerinnen der demografischen bzw. Kinderlosendiskurse (zumindest die Mehrheit unter ihnen) wollen nicht auf eine solche Perspektive hinaus. Wer die Forderung nach einer gerechteren Verteilung von Sorgearbeit konsequent weiterdenkt, wird vielmehr feststellen, dass diese Existenzweisen voraussetzen und zur Folge haben würde, in denen sich alle Menschen weniger an der Logik von Leistung und Profit ausrichten als es heute der Fall ist. Problematisch ist allerdings, dass der Zusammenhang der Entwicklung von kapitalistischen Produktionsverhältnissen und -bedingungen und der Herausbildung neuer hegemonialer Geschlechterverhältnisse und neuer Lebensweisen in kritischer Theorie nur unzureichend artikuliert wird. Oft wird auf eine nähere Auseinandersetzung mit den subjektiven Verarbeitungsweisen des massenhaften Verzichts auf Kinder verzichtet. Diese könnte allerdings nützlich sein, um die Durchsetzbarkeit neuer Formen von Kapitalakkumulation und neoliberaler Regulierungsweisen als einen Prozess nachzuvollziehen, der nicht nur durch ökonomische Zwänge gekennzeichnet ist, sondern auch darauf beruht, dass Bedürfnisse nach neuen Formen der Vergesellschaftung in hegemoniale bzw. staatliche Regulierung von Gesellschaft aufgenommen werden können. Wie werden die eigenen Kinder(nicht)wünsche individuell verarbeitet? Und wie werden diese zur alltäglichen Erfahrung, dass ein Leben ohne Kinder eine bessere Möglichkeit der Existenzsicherung und der Gestaltung des eigenen Lebens beinhaltet, ins Verhältnis gesetzt? Sofern der Verzicht auf Kinder z. B. ausschließlich als tief empfundener Wunsch bzw. Ausdruck der eigenen Persönlichkeit verstanden oder als Befreiung von herrschenden (Mutter-)Ideologien begriffen wird, wird es schwierig, die Belastung, die Kinder darstellen, als einen Effekt gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse wahrzunehmen bzw. zu diskutieren. Möglicherweise führt dies dazu, dass die notwendige Neuverteilung von Sorgearbeit und eine lebenswerte selbstbestimmtere Gestaltung der eigenen Lebensqualität in individuellen Alltagsverstand und -praxen nur noch brüchig miteinander vermittelt sind. Vor diesem Hintergrund interessiert mich hier, wie in aktuellen gesellschaftlichen Diskursen das Verhältnis zwischen der individuellen Möglichkeit von Frauen, auf eigene Kinder zu verzichten, und alternativen Perspektiven individueller und gesellschaftlicher Entwicklung diskutiert wird. Meines Erachtens schließen diese an Strategien und Denkweisen der westdeutschen #3 Frauenbewegung an, entwickeln aber zugleich ein sehr reduziertes Verständnis davon, wie Frauen auf die Gestaltung ihrer eigenen Lebensbedingungen Einfluss nehmen können.
Wunschlos glücklich?
Individuelle und gesellschaftliche Widersprüche in Ratgeberliteratur
Lebensweisen von Frauen ohne Kinder haben eine Form von (wenn auch randständiger) Normalität erlangt, sei es, weil sich diese Frauen selbst zu Wort melden, um ihr Leben als lebenswert zu präsentieren, und/oder weil sie zum Gegenstand von wissenschaftlicher Forschung, politisch-medialer Auseinandersetzung oder zur konsumstarken Zielgruppe von Unternehmen geworden sind. Im Folgenden widme ich mich kulturellen Darstellungen, die gegenüber Lebensentwürfen ohne Kinder eine akzeptierende Haltung einnehmen. Seit Ende der 1980er Jahre sind zunehmend populärwissenschaftliche bzw. Ratgeber-Bücher erschienen mit Titeln wie »Frauen ohne Kinder – Motive, Konflikte, Argumente« (Schmitz-Köster, 1987), »Frauen, die keine Kinder wollen. Eine liebevolle Annäherung an die Kinderlosigkeit« (Neuwirth 1988), »Lebensplanung ohne Kinder – Perspektiven eines bewussten Verzichts« (Ziebell u.a. 1992), »Goodbye, Baby: Glücklich ohne Kinder« (Shirley Seul, 2003), oder »7 Gründe, keine Kinder zu kriegen« (Regine Schneider, 2003). Zwischen (auto-)biografischer Reflexion und der Aufarbeitung von Interviews mit Menschen ohne Kinder werden in ihnen unterschiedliche Gründe vorgeführt, die Frauen veranlassen, keine Kinder zu bekommen. Gemeinsam ist ihnen die Einnahme eines Standpunkts, in dem sie um die Bewertung von (weiblicher) Kinderlosigkeit als normale Existenzmöglichkeit ringen. Sie richten sich sowohl an die Frauen (und zum Teil an die Männer) selbst, die vor der Entscheidung für oder gegen Kinder stehen oder standen, als auch an ein breiteres Publikum, dem ein neuer Zugang zu demografischen Diskussionen ermöglicht werden soll. So soll vermittelt werden, dass es bei den demografischen Debatten nicht nur um »Rentenfinanzierung« gehe, sondern auch um »Lebensentwürfe im 21. Jahrhundert«, um »persönliche Lebensgeschichten, die natürlich mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verwoben sind« (Carl 2002, 11).
Die Motive, die für den Verzicht auf Kinder vorgeführt werden, ähneln sich in den unterschiedlichen Veröffentlichungen: Einen großen Raum nimmt oft das Verhältnis zur eigenen Mutter bzw. zu den eigenen Eltern ein, deren eingeengtes Leben und/oder deren problematischen Erziehungsstil man auf keinen Fall wiederholen wolle, da man deren Nachteil in der eigenen Kindheit aus nächster Nähe selbst erfahren hat. Ein anderes wichtiges Thema ist die Qualität der Liebesbeziehungen, die von den Frauen gelebt oder gewünscht werden. Diese stehen einmal als wichtiger Beweggrund für den Verzicht auf Kinder (weil die Partner diesen befürworten, z. B. Schmitz-Köster 1987, 118 ff.). An anderer Stelle wird eher darauf verwiesen, dass Menschen ohne Kinder oft höhere Ansprüche an ihre Liebesbeziehungen haben und eben diese nicht durch ein Kind in Frage stellen wollen (z. B. Carl 2002). Schließlich widmet sich ein weiterer zentraler Fragenkomplex der meisten Bücher etwas, das als »Lebensentwürfe« o.ä. der Frauen/Menschen ohne Kinder bezeichnet wird. Festgestellt wird hier, dass ihnen Unabhängigkeit wichtig ist. Die berufliche Entwicklung, die nicht durch Kinder beeinträchtigt werden soll, nimmt viel Raum in den Beschreibungen ein, aber auch auf die »Beziehungen zu anderen Menschen und die Muße, also Zeit für sich selbst« (Schmitz-Köster 1987, 76) wird verwiesen.
Im Regelfall erörtern die Autorinnen ausführlich die Ambivalenzen, die die Entscheidung gegen eigene Kinder mit sich bringt. Zwar wird immer auf jenen kleinen Teil unter den Kinderlosen verwiesen, die ihrer Erinnerung nach immer schon wussten, dass sie keine Kinder haben wollen würden. Aber für die Mehrheit der Menschen ohne Kinder ist diese Lebensweise offenbar etwas, über das in unterschiedlichen Lebensphasen aus unterschiedlichen Gründen immer wieder neu entschieden wird. Dabei wird zwischen kurzen Einzelfallbeschreibungen und allgemeinen Aussagen gesprungen. Dies sorgt beim Lesen dafür, dass wir als Leser_innen bei der Lektüre der Bücher mitfühlen, und beispielsweise die Lust von Katja, Sabine oder Antje auf den angebotenen anspruchsvollen Job nachvollziehen und daher auch die Entscheidung gegen ein Kind als notwendiges Element der Gestaltung der vorgeführten Lebensweisen mitempfinden. Die Menschen ohne Kinder treten uns als solche Personen gegenüber, die aufgrund der Entscheidung gegen Kinder unsicher sind; die Widersprüche und Zerrissenheit ihrer Lebenskonzepte machen sie offenbar unterstützungsbedürftig. In diese Richtung artikulieren z. B. Carl und Schmitz-Köster auch den Anspruch, den sie selbst mit ihren Büchern verbinden: Sie wollen es Menschen ermöglichen, diese Entscheidung mit »Bewusstheit und Aufmerksamkeit« und mit »Sorgfalt« zu treffen; wo Entscheidungen bereits gefallen sind, geht es um »Zuspruch und Unterstützung« (Carl 2002). Nach Schmitz-Köster müssen sich die Frauen den »Einsichten« in ihre Zerrissenheit und Widersprüche »stellen«, denn grundlegende Entscheidungen sollten nicht aus »einem Gefühl … heraus« gefällt werden oder aus Tradition oder Gewohnheit (202f.). Indem die Autorinnen »sensibilisiert« (Carl 2002) über die Gefühle gewollt Kinderloser schreiben, wollen sie zugleich auch Vorurteile gegen diese abbauen.
Zwar findet eine gesellschaftliche Einbettung der individuellen Entscheidung für oder gegen Kinder in den meisten Büchern in der Form statt, dass die Herausbildung der Bedeutung von Mutterschaft und Kindheit als ein Ergebnis historischer Prozesse erläutert wird, die die Frauen auf diese Aufgabe reduzierten und aus der Kindheit überhaupt erst ein Gebilde machten, in der Menschen höchster Aufmerksamkeit und spezieller Zuwendung bedürfen. Verbunden wird dies mit dem Verweis auf aktuelle Diskurse, in denen Kinderlosigkeit von Frauen moralisch verurteilt wird. Doch diese Ausführungen werden meist kurz gehalten. Die Bücher bestehen vor allem aus thematisch sortiert dargestellten Interviewergebnissen, die die jeweiligen Autorinnen mit Frauen bzw. Menschen ohne Kinder gemacht haben. Auf diese Weise steht die Wahrnehmung der Gefühlswelt und der individuellen Denkweisen der Menschen ohne Kinder im Vordergrund. Diese Darstellungsweise führt dazu, dass auch die Möglichkeiten der Befragten, ihre Lebensbedingungen aktiv zu gestalten, in entsprechend reduzierter Form wahrgenommen werden. Gerade dort, wo die Bücher einen »sensiblen« Umgang mit den Menschen ohne Kinder fordern und praktizieren und dadurch in Gesellschaft eingreifen wollen, legen sie nahe, die Möglichkeiten der aktiven Gestaltung des eigenen Lebens liege vor allem in einer individualisierten Bearbeitung von Gefühlen bzw. in der Fähigkeit, aus diesen Gefühlen die richtige Konsequenz für die eigene Lebensgestaltung zu ziehen. An anderer Stelle dient die Darstellung der Gründe, die gegen Kinder sprechen, als Anklage gegen Verhältnisse in Deutschland, in denen nach wie vor ein Muttermythos herrsche, der auch von den Müttern selbst weitergetragen werde und der aber endlich durchbrochen werden müsste. Um dies zu untermauern, werden wissenschaftliche Analysen der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung herangezogen, um durch den Verweis auf bessere Vereinbarkeitspolitiken und weniger überladene Konzepte von mütterlicher bzw. elterlicher Verantwortung die Missstände in Deutschland anprangern zu können. Diese – aktuell sehr populäre – Argumentation führt dann im Umkehrschluss dazu, dass jede Hoffnung, die Verhältnisse zukünftig so zu gestalten, dass die eigene Entscheidung für oder gegen ein Kind nicht mehr zu den vorgeführten Ambivalenzen zwischen befriedigendem Job, glücklicher Partnerschaft und ökonomischer Unabhängigkeit einerseits, und dem Interesse an Kindern andererseits führt, an den Nationalstaat gekoppelt wird. Schon in der Einleitung wird bspw. bei Schneider die Hoffnung von Frauen, zukünftig unter rosigeren Bedingungen Kinder großzuziehen, geknüpft an die unvermittelte Aussage: »Deutschland bewegt sich – auch in Sachen Mutterrolle und Muttermythos« (Schneider 2003, 10).
Bei der hier in Kürze dargestellten Literatur handelt es sich um Ratgeber bzw. Literatur, die in populärwissenschaftlicher Weise aufklären oder -rütteln will. Sie wird (nicht zuletzt auch im Hinblick auf den Absatz des Buches) geschrieben, um Interesse und offene Fragen einer größeren Masse an Menschen aufzugreifen und hierauf relativ einfache Antworten zu bieten, die einer leichten Konsumierbarkeit der Bücher nicht widerspricht. Ich verstehe die Bücher selbst nicht als Teil eines linken Gesellschaftsprojekts, plädiere aber dafür, dass wir Fragen und Problemkonstellationen, die sich in diesen Büchern finden, bei der Entwicklung linker Politik und Analyse ernst nehmen. In Anlehnung an Antonio Gramsci und Stuart Hall können wie sie als Hinweise darauf verstehen, wie im Alltagsverstand vieler Menschen die Frage nach eigenen Kindern und den Bedingungen, unter denen diese umsorgt würden, bewegt wird. Fragen und Problemkonstellationen, die aus der Analyse dieser (massen-)kulturellen Darstellungen folgen, können wir dann zu anderen Momenten gesellschaftlicher Verhältnisse und zu politischen Auseinandersetzungen ins Verhältnis setzen, und zwar konkret in verschiedenen Politikfeldern und ihren Beziehungen zueinander. Betrachten wir z. B. sozialpolitische Kontexte. Hier artikulieren sich feministische Positionen derzeit oft in der Form, dass die staatliche Organisierung von Kinderbetreuung bzw. Sorgearbeit eingefordert wird, d.h. ein Ausbau staatlicher Einrichtungen und gesetzliche Regelungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die vorgeführte Literatur stellt in gewisser Weise die massenkulturelle Untermauerung dieser politischen Strategien dar. Wenn dabei die Möglichkeit kollektiven Handelns allein auf die Einflussnahme auf staatliche Politik begrenzt wird und hierbei die Notwendigkeit und (Nicht-)Existenz von politischen Zusammenschlüssen unterhalb der staatlichen Ebene entnannt wird, ist dies eine Leerstelle, die sowohl in diesen kulturellen Darstellungen als auch in einer Vielzahl von feministischen Kritiken an sozialstaatlichen Entwicklungen zu finden sind. Ein anderes Beispiel wäre die Frage nach dem Verhältnis der in den vorgeführten Texten benannten Fragen zur Kritik an der rassistischen Ausrichtung von staatlicher Bevölkerungspolitik (z. B. »Kinder statt Inder«). Auch hier bestehen Widersprüche: Man kann die (weibliche) Lebensweise ohne Kinder als eine individuelle Verweigerung des Anspruchs auf Nutzung des weiblichen Körpers für nationale Interessen verstehen. Schwierig wird es allerdings, wenn darüber die Frage nach lebenswerten Beziehungs– und Familienformen mit Kindern eine Leerstelle in linken Gesellschaftskonzepten bleibt und der fehlende Kinderwunsch als Befreiung des Subjekts artikuliert wird. Man läuft damit Gefahr, die Artikulation entsprechender Vorstellungen vom guten Leben hegemonialen Interessen zu überlassen, die Frage nach der Organisation von Sorgearbeit erneut zu privatisieren und damit der Hegemoniefähigkeit auch nationalistischer Eingriffe in diesem Bereich Vorschub zu leisten.
Schlussbetrachtung
In der spezifischen Form von Sichtbarkeit, die die vorgestellten Bücher herstellen, wirkt die akzeptierende Darstellung von Frauen ohne Kinder als ein gestaltendes Element der Durchsetzung einer neoliberalen Logik im Umgang mit der Frage, wie in der Gesellschaft, in der wir leben, das Aufziehen der nächsten Generation geregelt ist. Dass ein Leben ohne Kinder heute als etwas konstruiert wird, dass jeder Frau offen steht,#4 ist eine Voraussetzung dafür, dass die Geburt eines eigenen Kindes als Ergebnis einer Entscheidung und nicht mehr als Naturereignis wahrgenommen wird. Erst in der Folge dieser individuellen Freiheit kann an Frauen bzw. Eltern die Erwartung formuliert werden, dass sie diese Entscheidung bewusst treffen mögen. Insofern ist danach zu fragen, ob und wie die gesellschaftliche Präsenz von weiblichen Existenzweisen ohne Kinder dazu beiträgt, dass der soziale Kontext, aus dem heraus es zur Geburt eines Kindes kommt, vor allem als eine Entscheidung von zwei autonomen Individuen wahrgenommen wird, ein Kind großziehen zu wollen und zu können. Die Bewältigung der zusätzlichen Belastung, die ein Kind bedeutet, wird auf dieser Grundlage in neuer Form als eine privat zu organisierende Zusatzaufgabe artikuliert. Nicht nur, weil es ihre natürliche Aufgabe ist, sondern (auch), weil sie es will, trägt frau die Verantwortung für die Befriedigung der individuellen Bedürfnisse ihrer Kinder. Wie wir wissen, wird der Widerspruch zwischen der Effizienzanforderungen von profitorientierten Unternehmen und der hohen Kontinuität, die das Aufziehen von Kindern verlangt, nicht mehr lebbar gemacht, indem die verschiedenen Bereiche streng auf zwei Geschlechter verteilt werden. Hochqualifizierte Frauen sind hierfür viel zu begehrte Arbeitskräfte. Die weniger Qualifizierten müssen und »dürfen« aufgrund der für sie notwendigen Sicherung des Unterhalts der Familie auf eine Existenz als Nur-Hausfrau verzichten. Beide Geschlechter werden angehalten, durch »Work-Life-Balance« diese Widersprüche im eigenen Leben aushaltbar zu gestalten. Die Frage ist, wie sich die bis hierhin vorgeführte Form der Sichtbarkeit von kinderlosem Leben zu solcher Politik verhält. Obschon sie mit der Schaffung von prinzipieller Akzeptanz für diese Lebensform einhergeht, ist sie in gesellschaftlichen Umbrüchen, in denen die Kritik an der weiblichen Zuständigkeit für Sorgearbeit durchaus zu einer allgemein verbreiteten Aussage geworden ist, ein affirmativ gestaltendes und nicht etwa ein widerständiges Element gegenüber einer Politik, mit der versucht wird, in neuer Form die Zuständigkeit für die Sorge um andere zu individualisieren. Sie kann an ein neoliberales Weltbild anschließen, in dem die befriedigende Gestaltung verschiedener Lebensbereiche als etwas gilt, für das jede_r selbst verantwortlich ist bzw. das jede_r selbst bei genügender individueller Anstrengung erreichen kann.
Zugleich kann man die vorgeführten Darstellungen von Existenzweisen ohne Kinder auch als Hinweise darauf lesen, welche Facetten menschlichen Lebens in linker feministischer Politik möglicherweise zu wenig aufgegriffen werden, wenn um die gesellschaftliche Organisation von Sorgearbeit gerungen wird. Das Verhältnis zu den eigenen Eltern oder die Frage nach Wünschen und (Un-)Möglichkeiten in unseren Liebesbeziehungen haben in diesen Büchern zwar die problematische Wirkung, dass die Entscheidung für oder gegen Kinder vor allem als psychologische Frage erscheint und die gesellschaftlichen Bedingungen eher als Randthema auftauchen. Nichtsdestotrotz können wir davon ausgehen (und vielleicht an uns selber nachvollziehen), dass diese Fragen auch für uns – mal mehr, mal weniger wichtige – Bedingungen für die eigene Lebensplanungen darstellen. Wenn wir über linke Perspektiven im Feld von Beziehungs-/Familienformen und Herrschaft nachdenken, geht es insofern darum, (wieder) Formen zu finden, in denen wir diese individuellen Auseinandersetzungen mit (Herkunfts-)Familie, Liebesbeziehungen u. ä. in gesellschaftlichen Verhältnissen verorten. Das heißt, wenn wir hierfür auch die geschichtlichen Entwürfe (vergangener) sozialer Bewegungen studieren, halte ich es für eine der zentralen Fragen darin, ob, in welcher Weise und unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen es in ihnen möglich war, diese individuell manchmal als sehr bedeutend erfahrenen Konfliktfelder als Element gesellschaftlicher Auseinandersetzungen zu denken. Die Texte spiegeln selbstverständlich nur einen kleinen Ausschnitt von Lebensrealität und politischen Konzepten in verzerrter Weise wieder, aufgrund ihres populären Ratgebercharakters ist dieser stark individualisiert bzw. hegemonialen Politikformen verhaftet. An unsere – sehr viel komplexeren und widersprüchlicheren – Lebenspraxen und Formen der kollektiven Organisierung können wir die Frage stellen, wo es uns – im Anschluss an vergangene Formen politischer Bewegung und/oder durch ihre kritische Aufhebung – gelingt, Vergesellschaftungsformen mit und ohne Kinder zu entwickeln, die über die individuelle oder kleinkollektive Anpassung an die Anforderung der selbstbestimmten Selbstvermarktung und Hyperflexibilisierung hinausgehen.
Iris Nowak
*.notes
#1 Lange Zeit galt die Aufmerksamkeit vor allem den Frauen ohne Kinder. Mittlerweile wird in Studien u.ä. verstärkt auch das männliche Desinteresse am eigenen Kind als gesellschaftliches Problem ausgemacht. Ich konzentriere mich im Folgenden jedoch auf die Artikulation weiblicher Vergesellschaftungsformen.
#2 Massenhafte Kinderlosigkeit ist zugleich kein politisch hegemoniales Interesse, wie aktuelle staatliche Politik aufzeigt. Deutlich wird hier ein grundlegender Widerspruch der gegenwärtigen ökonomischen Verhältnisse, in denen die Übernahme von Verantwortung für Reproduktionsarbeit an der nächsten Generation unter prekären Bedingungen nach wie vor notwendig ist, zugleich aber die kontinuierliche Anrufung der Einzelnen als selbstbestimmte Subjekte in Verbindung mit den entgrenzten Leistungsanforderungen dazu führen, dass diese individuell verweigert wird.
#3 Die Thematik dieses Artikels wurde und wird durch den Prozess der Wiedervereinigung in vielfältiger Form verschoben: In der DDR existierte eine grundlegend andere Form der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung. Hiermit einhergehend war auch ein anderes Familienbild hegemonial. Die andere Perspektive der Ostfrauen stellte sowohl in Theorie als auch in der Praxis manche Annahme/Herangehensweise westdeutscher Feministinnen erst in ihrer Selbstverständlichkeit in Frage. Das Unverständnis der Ostfrauen über die Idee westdeutscher Feministinnen, dass der Verzicht auf Kinder etwas mit Widerstand zu tun habe, stellt z. B. Hanna Behrend (2005) dar. Dieser Artikel von ihr, obgleich er nur eine spezifische Perspektive auf Geschlechterverhältnisse in der DDR und deren Verhältnis zu heutigen Verhältnissen entwickelt, war für mich ein wichtiger Impuls für Fragestellungen, die im vorliegenden Artikel enthalten sind. Leider konnte ich die Lehren, die aus solchen Ost-/West-Perspektiven gezogen werden können, hier nicht vertiefen.
#4 Ich betrachte dies vorläufig als soziale Konstruktion, da eine genauere Betrachtung vermutlich ergeben würde, dass der tatsächliche Zugang zu Verhütungsmitteln und zur Möglichkeit von Sexualitätsformen, aus denen nicht unbedingt Kinder hervorgehen (Homosexualität, asexuelles Leben, veränderte heterosexuelle Praxis), z. B. auch eine Frage der Klassen- oder Schichtzugehörigkeit ist, regional unterschiedlich ist (Stadt/Land) und von weiteren Faktoren abhängt.
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Behrend, Hanna: Vater-Mutter-Kind(er)-Familie: überholtes Konstrukt oder gesellschaftliche Option (Essay). In: Eva Schäfer, Ina Dietzsch, u.a. (Hg.): Irritation Ostdeutschland. Geschlechterverhältnisse seit der Wende, Münster, 2005, 210-8
Carl, Christine: Leben ohne Kinder. Wenn Frauen keine Mütter sein wollen. Hamburg, 2002
Schmitz-Köster, Dorothee: Frauen ohne Kinder. Motive, Konflikte, Argumente. Hamburg, 1987
Schneider, Regine: 7 Gründe, keine Kinder zu kriegen. München, 2003
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