editorial

Fast hätten wir sie vergessen. Die Klasse.

 

Früher war alles einfacher. Und einfacher abzuschaffen. Es gab einen Gegner, einen Weg, ein Ziel. Gegen das Kapital mit dem Klassenkampf zum Sozialismus. Und eine Wahrheit: die letzte Schlacht gewinnen wir. Unklar war lediglich, wo diese Schlacht zu schlagen sei – im eigenen Land oder am schwächsten glied der imperialistischen Kette – und welche Taktik zum sicheren Sieg führe – spontan losstürmen oder abwarten, bis der Laden von alleine platzt. Aber das war´s auch schon im Groben. Jedenfalls war man mit dem Proletariat auf der sicheren Seite. Seit der zweiten Frauenbewegung ist es etwas schwerer geworden, zu den Guten zu gehören. Plötzlich waren auch Proleten Männer und sogar Sozialisten Unterdrücker. Kurz darauf wurden sie zu Weißen, die ihre Privilegien verteidigten und schließlich zu Deutschen, Antisemitinnen also. Spätestens als der Staat der Arbeiterklasse seine »Wiedervereinigung« mit der deutschen Heimat feierte und die Arbeiter_innen kein anderes Interesse hatten, als mit Feuer und Flamme eine Einheitsfront gegen alle die zu gründen, die ihrer Ansicht nach bei diesem Bruderkuss der ganz anderen Sorte nicht dabeisein durften, musste auch die letzte Linke merken, was bereits 1945 hätte klar sein können: dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass der Deutsche Arbeiter in den Kommunismus kommt. Auch auf den pädagogisch gemeinten Ratschlag, doch lieber Politiker statt Ausländer zu verdreschen, wollte niemand so recht mehr hören. Obwohl alles schwerer geworden war, blieb es für die Feinde des Unrechts doch erstaunlich leicht. Nur gab es jetzt nicht mehr eine eine Wahrheit, sondern viele eine Wahrheiten. Antifa, antira, antipat, antinat oder doch wieder antikap. Manchmal wurde auch alles artig aneinander gereiht, und auch das jetzt Klassismus genannte Übel hatte anfangs noch einen obligatorischen Platz in der langen Liste hinter dem »gegen« (der Bosartigkeiten). Aber mit der Zeit erschien schon die Erwähnung der Gruppe mit universellem Unrecht der Verharmlosung der anderen Bosartigkeiten verdächtig und allmählich verschwand die Klasse klammheimlich von den Pogrammen und Aufrufen. Eigentlich hatte sich nicht allzuviel verändert. Während früher alle den Hauptwiderspruch bekämpften, bekämften jetzt alle den Gedanken vom Hauptwiderspruch. Die neuen Linken begannen sich in ihren neuen Sparten wohl zu fühlen und für gewöhnlich reichte eine kleine Probe von dem miefigen Geruch aus der Geschichte der Arbeiterbewegung, der ihnen beim Aufschlagen eines der alten Bücher entgegenwehte, damit sie schlagartig die Flucht ergriffen. Und mit den piefigen Klamotten und Emblemen wollte sich niemand mehr blicken lassen bis sie so in Vergessenheit geraten waren, dass es schon wieder lustig und schick erschien, sie anzuschauen. Etwa zur selben Zeit wurde es schwierig. Ohne dass die Klasse einen Mucks von sich gegeben hätte, und vermutlich auch genau deswegen, begann diese andere Klasse, die ebenfalls in Vergessenheit geraten war, wieder von sich reden zu machen. Siegestrunken von ihrem historischen K.O.-Sieg verkündete sie »Kapitalisten alle Länder – vereinigt euch!« und begann damit noch die letzten überholt gewordenen Überbleibsel aus der Zeit der roten Fahnen zu entsorgen. Nun war zwar nicht klarer, wer eigentlich zu diesem Proletariat gehörte, dem da der Kampf angesagt wurde, es ließ sich aber nicht übersehen, dass es es immer mehr wurden, die betroffen waren. An den Löhnen wurde geknapst und damit die Empfänger_­innen sich nicht zu sehr ärgerten, wurde denen, die gar keine Löhne mehr erhielten, noch mehr weggenommen. Jetzt war es wieder gerecht. Aber plötzlich regte sich Protest oder Protestchen, aber die Linken waren schon so viel gewohnt und so waren sie schon froh, dass die Leute montags und nicht sonntags demonstrieren gingen. Auf einmal, das war nun allen klar, wurde die Klassenfrage gestellt. Aber niemand hatte mehr eine Antwort darauf, denn alles, was die Linken einmal über die Klasse wussten, hatten sie mittlerweile vergessen und daran erinnern wollen sich mit einigem Recht eigentlich auch nicht so richtig. Von allen Seiten riefen sie nun: Was tun? Was tun? Da wurde es Zeit für diskus, die Welt zu retten.

Und überhaupt, die Klasse. Wenn sie gebraucht wird, ist sie meistens nicht da. Und dort, wo sie ist, sollte sie besser nicht sein. Meist schweigt sie, aber wenn sie zu reden beginnt, redet sie Mist. Jetzt hat die Klasse wieder eine Stimme, eine sehr tiefe zumeist, und wieder sind die Münder, aus denen sie spricht, von dichten Schnurrbärten umrandet. Die Partei, die Partei ist wieder da. Aber statt sich den dringlich anstehenden Aufgaben zu widmen, etwa das Kapital abzuschaffen, fängt sie lieber Schmetterlinge oder jagt Heuschrecken hinterher. Beim Stichwort Umverteilung denkt sie an die noch Ärmeren, denen sich noch was wegnehmen lässt. Bei Klassenkapmpf lässt sie sich kein Kl für ein R vormachen. Wenn sie die Signalfarbe rot sieht, kümmert sie sich nicht darum, welche Symbole sonst noch im Kleingedruckten der Fahne stehen und wenn sie ihr Kreuz an der rechten Stelle setzen will, nimmt sie schon mal das mit den Häkchen.  
Ach, die Klasse. Sie macht es uns nicht gerade leicht, sie zu mögen. Aber das ist auch gar nicht nötig. Denn mittlerweile wissen wir ja: es geht nicht darum sie zu befreien, sondern darum, sie abzuschaffen. Wir müssen nur noch wissen wie. Und keine Angst, dafür ist dieses Heft ja jetzt da.

Unabhängig vom Ergebnis und unabhängig davon, welches dieser Übel das übelste ist, ist eines schon jetzt klar: besser lebt es sich ohne alle.
herzlich,

aber bestimmt: die redaktion