splash of civilizations



Kennen Sie das Gefühl, wenn die Tageszeitung Ihrer Wahl Ihre Lieblingskolumne absetzt? Ein paar Ausgaben lang suchen Sie noch nach ihr, dann stellt sich ein Gefühl der Leere ein, gefolgt von Resignation und der traurigen Gewissheit, um ein liebenswertes Detail des Alltags ärmer zu sein. Genau so erging es mir, als im Magazin der Frankfurter Rundschau die »Krauts« gestrichen wurden. Mein Verlangen danach, die eigene Verwunderung über die Merkwürdigkeiten des multikulturellen Lebens mit anderen zu teilen geht fast schon so weit, dass ich anfangen möchte, die Dinger selbst zu schreiben.

Neulich bin ich in der Sauna gewesen. Ich bin kein regelmäßiger Saunagänger und manchmal, wenn ich mal wieder versehentlich in eine Aufgusszeremonie gerate, kann ich regelrecht klaustrophobische Gefühle bekommen. Und auch diesmal kam es so, dass ich die falsche Sauna zum falschen Zeitpunkt ausgesucht hatte. Noch ehe ich reagieren konnte, hatte sich der Raum dermaßen gefüllt, dass ich mit einer Flucht von der obersten Stufe an dichtgedrängten Leibern vorbei zumindest den Unmut der Anwesenden über die Störung des Rituals auf mich gezogen hätte. Jeder, der einmal versucht hat, einen Aufguss vorzeitig zu verlassen und zu diesem Zweck die Tür geöffnet hat, weiß wovon ich spreche. Der Zorn der Saunanden ist furchterregend.

Da saß ich also zwischen allzu schweißtriefenden Körpern und hoffte inständig, es möge nicht noch mehr Aufguss-Fans geben, die sich im letzten Moment noch irgendwo reinquetschen wollen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen damit gehen würde, ich aber würde in so einer Situation nicht unbedingt auf die Idee kommen, jemanden anzusprechen. Der Typ links neben mir sah das anders. Unvermittelt wandte er sich an mich und fragte: »Aus welchem Land kommt Ihre Familie?«

In seinen Augen war gleichzeitig eine wohlwollende Naivität und die Überzeugung zu lesen, besonders informiert und geschickt vorzugehen. Er fragte mich nicht, aus welchem Land ich denn käme, nein, er ging gleich davon aus, dass ich wahrscheinlich kein Exemplar der ersten Generation bin. Aber meine Familie, ja die muss irgendwoher kommen. Nun bin ich zufälligerweise nach allen in Almanya geltenden Regeln so deutsch, wie nur irgendjemand deutsch sein kann. Sowohl meine Eltern, als auch alle Vorfahren meiner Eltern, von denen je die Rede gewesen ist, kamen höchstens mal aus einem Nachbardorf, nie aber von außerhalb des Landkreises.

Es ist auch nicht das erste Mal, dass so etwas passiert. Das ist schon losgegangen, als ich ungefähr zehn Jahre alt war und mit dem Bus ins Nachbardorf zur Schule fuhr. Wenn mich an der Bushaltestelle Passanten ansprachen und ich nicht sofort reagierte, was oft vorkam, dann folgte unvermeidlich die Ansprache: »Ahh! Du nix deutsch! Du müsse lerne deutsch spreche!« Wenn ich es durch Nachlässigkeit oder Widerwillen so weit kommen ließ, gab es kein Zurück mehr. Kein Dementi, in korrektestem Hochdeutsch vorgetragen, konnte die Gewissheit ins Wanken bringen, dass ich ein Alien sein muss. Ich möchte nicht behaupten, dass mich das eingeschüchtert oder gar geprägt hätte, aber sobald meine Eltern das erlaubten, bin ich lieber mit dem Fahrrad gefahren.

Mein Sitznachbar in der Sauna neulich war weniger hartnäckig. Meine mit verwundertem Gesichtsausdruck vorgetragene Antwort »Äh, aus Karlsruhe?« kommentierte er recht desinteressiert: »Ahja, schöne Sauna hier, was?« Doch schon hatte er sein nächstes Opfer entdeckt, das neben mir schwitzte. Als galant gedachte Überleitung zurück zum Wesentlichen und als Ergebnis einer neuen kühn kalkulierten Wahrscheinlichkeitsrechnung präsentierte er seine nächste Frage: »Gibt es in China auch so tolle Saunen?« Beinahe hätte ich laut losgeprustet. Der »Chinese« gab derweil zu Protokoll, dass er Vietnamese sei. Der Wissensdurst unseres Quälgeistes war damit aber keineswegs gestillt. Ob es denn in Vietnam auch so tolle Saunen gäbe. Nein, gab es nicht. »Wie, keine Saunen?« Der Chinese und ich redeten wild gestikulierend durcheinander, um die Sache endlich hinter uns zu bringen: »Es ist heiß da.« – »Tropen.« – »Da ist so schon überall Sauna.« Es half alles nichts. Sogar die Indianer Nordamerikas hätten doch Saunen gehabt. »So wie hier, nur in Zelten.« Wir gaben auf, das war wohl ein hoffnungsloser Fall. Schweigen, endlich!

Ich glaube, er hat es uns übelgenommen, dass wir seine Gelehrsamkeit nicht zu schätzen wussten. Wer weiß schon, dass sogar die Indianer schon Saunen hatten, während die Vietnamesen bis heute im Freien schwitzen.

heinzel rühmann